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Das große Sommerinterview mit Martin Ruehs: "Selber kann ich kein Eis herstellen"

"Familien-Unternehmen reagieren anders"
 
Das Werk von "Eisbär Eis" in Apensen: Derzeit wird eine Produktionsanlage erweitert (Foto: Eisbär Eis)
(bc). Während der kommenden sieben Wochen präsentiert Ihnen das WOCHENBLATT, liebe Leserinnen und Leser, jeden Samstag das große Sommerinterview. Menschen aus der Region geben bei uns spannende Einblicke in ihr Leben, sei es beruflich oder privat. Heute: Martin Ruehs (53), Chef von „Eisbär Eis“ in Apensen - Deutschlands größter privater Hersteller der kalten Süßspeise.

WOCHENBLATT: Es ist Sommer: Die Maschinen dürften auf Hochtouren laufen!

Martin Ruehs: Richtig. Wir produzieren in drei Schichten 24 Stunden rund um die Uhr. Mehr als 1.000 Paletten verlassen jeden Tag unser Werk in Apensen und unser Schwesterwerk in Ribnitz-Damgarten. Wir produzieren seit April vor, um die steigende Nachfrage im Sommer bedienen zu können.

WOCHENBLATT: Das sind dann wie viel Eis pro Tag?

Ruehs: Mehr als sechs Millionen Stück. Das kommt auf die Größe der Portionen an. Statistisch gesehen liegt in jeder deutschen Kühltruhe mindestens ein „Eisbär Eis“.

WOCHENBLATT: Also auch in Ihrer. Wie oft probieren Sie eigentlich Ihr eigenes Eis noch selber?

Ruehs: Wenn ich es schaffe jeden Tag. Immer um 9 Uhr trifft sich unsere Entwicklungsabteilung zur Verkostung. Die Produktion des Vortages wird probiert.

WOCHENBLATT: Klingt nach einem Traumjob! Wie wird man Verkoster?

Ruehs: Das sind ausgebildete Sensoriker, die die vier Grundgeschmacksrichtungen süß, sauer, salzig und bitter erkennen können. Die Mitarbeiter essen aber nicht den ganzen Tag nur Eis (lacht).

WOCHENBLATT: Wer sind denn Ihre Hauptabnehmer?

Ruehs: Wir arbeiten z.B. mit Heimdienstunternehmen zusammen. Das sind die Tiefkühlwagen, die von Dorf zu Dorf fahren. Vor allem findet man uns aber im gesamten deutschen Lebensmitteleinzelhandel.

WOCHENBLATT: Nur im deutschen?

Ruehs: Nein. 30 Prozent unseres Umsatzes machen wir im Ausland. Wir sind mit unseren deutschen Handelspartnern in mehr als 20 Ländern in Europa vertreten.

WOCHENBLATT: Essen die Deutschen in Europa denn am meisten Eis pro Kopf?

Ruehs: Nein, das sind die Skandinavier. Die essen im Schnitt 13 bis 16 Liter. Die Deutschen liegen bei acht Litern. Je weiter man in den Süden guckt, wird es weniger.

WOCHENBLATT: „Eisbär Eis“ ist eine Handelsmarke. Das bedeutet: Die Markenrechte liegen beim Handel. Wie erkennen Kunden trotzdem, ob Sie gerade ein Eis aus Apensen essen?

Ruehs: Auf der Verpackung muss der Code LEE stehen.

WOCHENBLATT: Bei allem Erfolg, den Sie haben. Was sind die größten Probleme eines Eisherstellers?

Ruehs: Die extremen Schwankungen bei den Rohstoffpreisen. Beispiel Kakao, mit dem auf internationalen Finanzmärkten spekuliert wird. Teilweise machen uns nicht absatzbedingte Preis-Ausschläge von 50 Prozent eine komplette Kalkulation kaputt. Da können wir nur mit langfristigen Lieferverträgen dagegenhalten.

WOCHENBLATT: Ist es als Mittelständler im Familienbesitz schwer, sich uneingeschränkt zum Standort Deutschland zu bekennen, und dennoch mit den großen Konzernen mitzuhalten?

Ruehs: Es war nie unsere Firmenphilosophie, gen Osten zu expandieren. Zumal es unter dem Strich nicht zwingend günstiger wird, weil es dort meistens am Know-How mangelt. Uns geht es aber auch darum, das Unternehmen noch überblicken zu können. Das geht am besten vor Ort. Wir erweitern derzeit übrigens unsere Produktionsanlagen in Apensen.

WOCHENBLATT:
Sie sprechen immer von wir. Sie sitzen in Apensen nicht alleine in der Chefetage.

Ruehs: Nein. Wir sind in Apensen zwei Geschäftsführer. Ich bin fürs Kaufmännische zuständig und Helmut Klehn für die Produktion.

WOCHENBLATT: Heißt das, dass Sie von der eigentlichen Eisproduktion wenig Ahnung haben?

Ruehs: Stimmt. Selber kann ich kein Eis herstellen.

WOCHENBLATT:
Klären Sie uns über das Familienunternehmen „Eisbär Eis“ auf?

Ruehs: Zwei Brüder haben 1955 in Neukloster die Firma gegründet und Gaststätten mit Eis beliefert haben. Einer davon ist der Vater von Helmut Klehn, der andere ist mein Schwiegervater. Das Unternehmen „Eisbär“ in Apensen gehört heute meiner Frau und ihrem Cousin Helmut Klehn.

WOCHENBLATT: Zwei Geschäftsführer - klappt
das gut?

Ruehs: Ja, wir sitzen uns sogar seit 25 Jahren in einem Büro gegenüber.

WOCHENBLATT:
Gibt es nie Stress?

Ruehs: Und wenn ist er spätestens am nächsten Morgen ausgeräumt. Ich kann nur immer wieder sagen, dass wir uns wirklich, auch außerhalb unseres beruflichen Umfeldes, sehr gut verstehen.

WOCHENBLATT: Abitur an der Halepaghen-Schule in Buxtehude, dann Bundeswehr und BWL-Studium. Mit 28 Jahren sind Sie 1990 Geschäftsführer geworden. Eine steile Karriere!

Ruehs: Davor habe ich aber noch zwei Jahre beim Otto-Versand in Hamburg in der Marketingabteilung gearbeitet. Erst danach bin ich dem Ruf meines Schwiegervaters gefolgt. Geplant war das so nicht unbedingt. Aber ich könnte mir auch nicht mehr vorstellen, in einem Konzern zu arbeiten.

WOCHENBLATT: Warum?

Ruehs: Familien-Unternehmen reagieren anders, denke ich. Es ist eine andere Form der Verlässlichkeit. Die Kundenbindung ist sehr eng.

WOCHENBLATT: Heute führen sie gemeinsam mit Herrn Klehn ein Unternehmen mit rund 250 Mitarbeitern in Apensen und zusammen mit einem dritten Partner zusätzlich ein ähnlich großes Schwesterunternehmen in Ribnitz-Damgarten: Wie sieht eine normale Woche bei Ihnen aus?

Ruehs: In der Regel bin ich einmal die Woche nicht in Apensen. Entweder bin ich im Schwesterwerk oder bei Kunden- und Lieferantenterminen. Außerdem bin ich noch für den Bundesverband der Deutschen Süßwarenindustrie unterwegs, z.B. bei Lobbyterminen in Brüssel und Berlin.

WOCHENBLATT: Und wenn Sie mal zu Hause sind: Kaufen Sie dann auch selber ein? Vielleicht ein Eis im Supermarkt?

Ruehs: Natürlich esse ich auch das Eis der Konkurrenz, um besser vergleichen zu können. Meistens muss mich dann meine Frau im Supermarkt von der Kühltruhe abholen.

WOCHENBLATT: Herr Ruehs, vielen Dank für das Gespräch.


Zur Person


Martin Ruehs (53) ist seit fast 27 Jahren mit Britta Klehn-Ruehs verheiratet. Zusammen haben sie zwei mittlerweile erwachsene Kinder (Christoph, 26 Jahre, und Katharina, 22 Jahre). Das Ehepaar wohnt in Apensen. Ihren Urlaub verbringen die beiden am liebsten auf Mallorca. Zu seinen Hobbies zählt neben Sport (u.a. Golf und Skifahren) das Schützenwesen.