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Ein Heim gegen das Vergessen - Die Geschichte der Erholungs- und Bildungsstätte „Heideruh“ in Seppensen / Sommerfest am 30. und 31. Juli

Durch diese Postkarte wurde Oliver Rumpe auf Heideruh aufmerksam (Foto: privat)
 
Wer weiß, um welches Format es sich bei diesen Filmrollen handelt? Christiane Prohn (li., Archiv) und Geschäftsführerin Bea Trampenau sind dankbar für Hinweise
as. Buchholz. Ein Ort von historischer Bedeutung verbirgt sich in Buchholz - die antifaschistische Erholungs- und Begegnungsstätte „Heideruh“ (Ahornweg 45) in Seppensen. Seit rund 90 Jahren finden hier politisch Verfolgte Zuflucht - Anlass für den „lebendigen Erinnerungsort“, am heutigen Samstag und morgigen Sonntag ein großes öffentliches Sommerfest zu feiern (das WOCHENBLATT berichtete).
Mit einem Postkartenmotiv fing alles an: Ein paar ältere Damen liegen entspannt auf einer von hohen Bäumen umgebenen Lichtung in Liegestühlen und genießen die Sonne, im Hintergrund ein flaches weißes Gebäude. Dr. Oliver Rump, Professor für Museumskunde und Museumsmanagement an der Hochschule für Technik und Wissenschaft Berlin (HTW), war in einer Sammlung historischer Ansichtskarten auf die Postkarte aus „Heideruh“ gestoßen. „Wohn- und Ferienheim Heideruh e.V.“ steht auf der Rückseite, und „Seppensen“. Das machte den Historiker neugierig. Er lebte zu der Zeit in Holm-Seppensen, hatte aber noch nie von „Heideruh“ gehört. Kurzerhand schwang er sich auf sein Fahrrad und machte sich auf zum „Ferienheim“. Zu seiner Überraschung wurde das im Wald verborgen liegende „Heideruh“ noch immer als Erholungsstätte genutzt. Als Bea Trampenau, Geschäftsführerin Heideruhs, ihm berichtete, dass „Heideruh“ in den 1920er Jahren von Kommunisten für konspirative Treffengenutzt wurde, weckte das seinen Forschergeist. „Das ist etwas Besonderes“, sagt Oliver Rumpe. Über Widerstand im Landkreis Harburg sei nicht viel bekannt, erklärt er. Deshalb machte er sich 2013 gemeinsam mit Studenten der HTW und mit Unterstützung von Bea Trampenau daran, die Geschichte Heideruhs zu erforschen.
Dafür wurden zahlreiche Protokolle, Briefe, Baupläne, Fotos, Dias und Filme gesichtet und ausgewertet, in Archiven und Ämtern recherchiert und Gespräche mit Zeitzeugen geführt. Dabei konnten die Forscher verschiedene Phasen der Nutzung ausmachen, die jedoch, mit Ausnahme der Zeit des Nationalsozialismus, ein Gedanke eint: Immer bot „Heideruh“ Verfolgten eine Zuflucht und Schutz - und das bis heute.
Ein geschichtlicher Abriss:
1923 wurde das große rote Holzhaus in Seppensen gebaut. Eine Gruppe um den Hamburger Kommunisten Ernst Ludwig Stender erwarb „Heideruh“ 1926 und nutzte den Ort in den 1920er und 1930er Jahren für konspirative Treffen, um kommunistische Widerstandsarbeit gegen den Nationalsozialismus zu planen. „Durch unsere Arbeit ist der organisierte Widerstand in Seppensen jetzt erstmalig nachweisbar“, sagt Oliver Rumpe. Nach 1945 wurde „Heideruh“ an das Komitee politisch Verfolgter, aus dem später die Vereinigung Verfolgter des Naziregimes hervorging, übergeben. Doch nicht nuar der kommunistische Widerstand macht „Heideruh“ zu einem besonderen Ort. Was nur wenige wissen: Von 1945 bis 1948 wurde „Heideruh“ von einer Exil-Gruppe der FDJ als Jugendheim und Schulungszentrum genutzt. In den 1970ern fanden Kinder von vor dem Pinochet-Regime geflohenen Chilenen und Kolumbianern in der Erholungstätte eine Flucht aus ihrem Alltag. Nach der Wende 1989 bot die Abgeschiedenheit, Ruhe und Friedlichkeit in „Heideruh“ auch Antifaschisten aus der DDR eine Rückzugsmöglichkeit. Auch heute sind Flucht und Vertreibung immer noch ein Thema. Im Zuge der Flüchtlingsbewegung sind seit 2013 auch in „Heideruh“ Geflüchtete untergebracht.
„Bei uns ist jeder willkommen, der unserem Erinnerungsort den gebührenden Respekt entgegenbringt“, sagt Bea Trampenau. So wie Dr. Ulrich Bauche aus Hamburg. Er kennt „Heideruh“ seit seiner Jugend, zuletzt war er 1995 hier. Da seine Mutter einen jüdischen Hintergrund hatte, wurden seine Eltern während des Nationalsozialismus zu Arbeitseinsätzen gezwungen. In „Heideruh“ erholten sie sich von den erlittenen Strapazen. „Besonders nach dem Tod meines Vaters 1959 hatte ‚Heideruh‘ eine besondere Bedeutung für sie“, sagt er.
• Mehr zur bewegten Geschichte Heideruhs erfährt man beim neuen historischen Rundgang, in der Broschüre, die für 5 Euro in „Heideruh“ erworben werden kann und mit deren Erlös die Forschungen finanziert werden, sowie unter
www.heideruh.de.