Bitte klicken Sie zur Auswahl auf eines der folgenden vier Logos:

"Niemand hat meine Ängste ernstgenommen"

Viele Frauen sind häuslicher Gewalt ausgesetzt - nicht nur körperlich (Foto: fotolia/Miriam Doerr)

Ein Gewaltopfer klagt an: System für schnelle Hilfe ist noch lange nicht ausgereift

(os). "Das Hilfssystem für Gewaltopfer funktioniert hinten und vorn nicht", klagt Petra V.* "Es muss viel mehr für sie getan werden." Petra V. wurde selbst Opfer von häuslicher Gewalt und fühlte sich bei den meisten offiziellen Stellen nicht gut aufgehoben. "Beim Jugendamt, beim Amtsgericht und beim Kinderschutzbund hat man mich nicht ernstgenommen. Schnelle Hilfe bekommt man nirgends."
Die Geschichte von Petra V. beginnt vor 16 Jahren: Ihr Partner greift nach einem Streit die Schwangere körperlich an, gefährdet das Leben des ungeborenen Kindes. "Von diesem Schock habe ich mich bis heute nicht erholt", berichtet V. Nach der Geburt des Kindes bleibt das Paar noch eine Zeitlang zusammen. "Ich habe gehofft, dass wir es schaffen, auch für unseren Sohn", erinnert sich Petra V. Doch die Beziehung zerbricht, die Frau zieht das Kind allein auf. In den Folgejahren sei sie "subtiler Gewalt" vom Ex-Partner ausgesetzt gewesen, berichtet Petra V. Häufig sei sie übers Telefon gemobbt worden, oft habe der Kindsvater unangekündigt vor ihrer Haustür gestanden. "Ich war ständig in Angst, dass ich von ihm angegriffen werde", sagt Petra V.
Sie wendete sich ans Jugendamt, wählte auch die Telefonnummern verschiedener Hilfsorganisationen. Überall sei sie abgeblitzt, berichtet Petra V.: "Wenn ich mal jemanden ans Telefon bekommen habe, wurden meine Ängste von den Mitarbeitern nicht ernstgenommen." Oft habe sie nur auf einen Anrufbeantworter sprechen können oder sei auf Halbtagskräfte gestoßen, die mit der Situation überfordert gewesen seien. "Gewaltopfer brauchen sofort Hilfe. Ich bin nur auf hilflose Helfer gestoßen."
In diesem Jahr eskalierte die Situation. Petra V. versuchte, den Kontakt zwischen ihrem Sohn und dem Kindsvater zu unterbinden. Die Angelegenheit landete vor dem Amtsgericht: Der Richter verfügte, dass der Sohn zum Kindsvater kommt. "Ich habe dem nur zugestimmt, weil mir mit dem Entzug des Sorgerechts gedroht wurde", sagt Petra V. "Dann hätte ich überhaupt keinen Kontakt mehr zu meinem Sohn gehabt." Es sei gekommen wie befürchtet, berichtet sie: Der Kindsvater sei übergriffig geworden, habe den Sohn in den Schwitzkasten genommen. "Ich habe meinen Sohn nicht schützen können. Das tut mir weh", sagt die Mutter.
Warum geht Petra V. gerade jetzt an die Öffentlichkeit? Auslöser sei der Bericht über das zehnjährige Bestehen des Vereins "Gewalt überwinden" gewesen. "Das war mir alles zu positiv dargestellt. Ich will nicht länger schweigen, weil ich hoffe, das Thema 'Häusliche Gewalt' mehr ins Bewusstsein der Menschen zu bekommen", sagt V. "Wenn ich bei nur einem Menschen das vermeiden kann, was mir geschehen ist, habe ich viel erreicht."
* Name von der Redaktion geändert

Im Notfall die 110 wählen

(os). "Unsere Aufgabe ist es, die Jugendämter für das Thema 'Häusliche Gewalt' zu sensibilisieren", sagt Dorothea Blaffert. Die Pastorin aus Klecken engagiert sich als Vorsitzende des Vereins "Gewalt überwinden" im Landkreis Harburg für Gewaltopfer. Der Verein könne nicht Anlaufstelle für Personen sein, die akute Hilfe benötige: "Das muss von staatlichen Stellen organisiert werden. Wir können nur Mittler sein", betont Blaffert. Man sei von einem perfekten Hilfssystem noch einiges entfernt.
Dörthe Heien von der Beratungs- und Interventionsstelle bei häuslicher Gewalt (BISS), die vom Verein "Gewalt überwinden" initiiert wurde, rät weiblichen Gewaltopfern, sich im Notfall an die Polizei (Tel. 110) oder das Frauenhaus (Tel. 01805-296962) zu wenden. Zudem soll die Hotline des Bundesamtes für Familie (08000-116106) rund um die Uhr erreichbar sein.