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„Die sozialen Strukturen können gefährdet werden“

Wilfried Bolte (Foto: archiv / as)

Landkreis Harburg will rund 400 Flüchtlinge umverteilen / Interview mit Wilfried Bolte vom Bündnis für Flüchtlinge Buchholz

(os).
Bereits im Juni kündigte der Landkreis Harburg als Gast des Runden Tisches der Flüchtlingsinitiativen an, die Verträge für möglichst viele Unterkünfte zu kündigen, wenn es sinnvoll sei. Die Flüchtlingshelfer baten darum, dass die Kommunen sowie die ehren- und hauptamtlichen Flüchtlingshelfer möglichst früh eingebunden werden, um negative Auswirkungen auf die beginnende Integration zu verhindern. Welche Auswirkungen drohen bei der angekündigten Umverteilung der Flüchtlinge? Darüber sprach Wilfried Bolte, Vorsitzender des Bündnis für Flüchtlinge in Buchholz, im Interview mit WOCHENBLATT-Redaktionsleiter Oliver Sander.
WOCHENBLATT: In den vergangenen Jahren sind soziale Strukturen zwischen Flüchtlingen und Bürgern/ehrenamtlichen Helfern gewachsen. Was muss geschehen, dass diese Strukturen durch die Umverteilung nicht zerstört werden?
Wilfried Bolte: Flüchtlinge sind nur sehr bedingt mobil, d.h. sie müssen ihre Beschäftigungs- /Ausbildungsorte mit dem Fahrrad oder öffentlichen Beförderungsmöglichkeiten erreichen. Dies ist durch einen Umzug in eine weit entfernte Unterkunft u.U. nicht gegeben. Soziale Strukturen zu Ehrenamtlichen, beim Sport und untereinander können durch Umsiedlungen gefährdet und/oder zerschlagen werden. Deshalb hoffen wir auf eine Diskussion vor Ort zwischen den Haupt- und Ehrenamtlichen mit dem Landkreis, um möglichst gute Lösungen zu erzielen.
WOCHENBLATT: Was können Flüchtlingshelfer tun, um die Auswirkungen der Umverteilung der Flüchtlinge so gering wie möglich zu halten?
Bolte: Wir können uns einbinden und gemeinsam überlegen, was eine Umverteilung für den Einzelnen bedeutet. Durch neuerliche Verdichtung bis hin zu Drei-Bett-Belegung in Zwölf-Quadratmeter-Containern wird die Integration weiter erschwert. Gerade haben einige Flüchtlinge eine Ausbildung begonnen und machen die Erfahrung, dass die Theorie im Berufsschulwesen für sie die größte Hürde ist. Wenn dann noch Raum zum ruhigen Lernen fehlt (zumindest in Buchholz hat keine Großunterkunft einen Gemeinschaftsraum!) und in den Unterkünften es schwer ist, in den Schlaf zu finden, dann wird die Ausbildung erheblich belastet.
WOCHENBLATT: Was bedeutet das für die Flüchtlingshelfer?
Bolte: Es helfen viele Ehrenamtliche, doch das kann bei Umzügen der Flüchtlinge erschwert werden. Wir haben beispielsweise versucht, fachliche Paten den Auszubildenden an die Seite zu stellen. Das sollte nicht gefährdet werden.
WOCHENBLATT: Welches sind die Bereiche, in denen die Flüchtlinge bereits besonders gut integriert sind?
Bolte: Die Integration schreitet voran und ist immer wieder von der Sprachbeherrschung abhängig. Der Schlüssel bleibt die deutsche Sprache, hier müsste mehr und in kleineren Einheiten bedarfsgerecht geschehen. Die Einbeziehung in die Sportvereine ist schon recht gut gelungen, dafür gebührt den Vereinen vor Ort ein großes Lob. Die Flüchtlingscafés werden im ganzen Landkreis gut angenommen. Winsen ist hier schon lange vorbildlich. In Buchholz können wir dank vieler Ehrenamtlicher und der finanziellen Unterstützung der Stadt und anderer Sponsoren das Café International in der Neuen Straße jeden Tag von 15 bis 18 Uhr öffnen. Es ist inzwischen zu einer zentralen Begegnungsstätte gewachsen, in die auch viele Flüchtlinge aus den Randgemeinden kommen, wenn die Schul- oder Sprachausbildung am frühen Nachmittag beendet ist.
WOCHENBLATT: Ist also alles in Ordnung?
Bolte: Nun, viele Flüchtlinge sind inzwischen in Arbeit und zeigen dort hohen Einsatzwillen und Motivation. Durch die Vielzahl offener Stellen können viele Angebote genutzt werden. Das größte Folgeproblem ist die Unterbringung in Wohnungen. Auf dem engen Wohnungsmarkt ist es für Flüchtlinge doppelt schwer. Dankbar sind wir deshalb für das Pilotprojekt des Landkreises mit der Stadt Buchholz in den Jordanhäusern, wo inzwischen ein gutes Miteinander der Bewohner erreicht wurde und wir gerade mit den Nachbarn aus den angrenzenden Wohnhäusern ein tolles Quartiersfest gefeiert haben.
WOCHENBLATT: Herr Bolte, vielen Dank für das Gespräch.

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