Bitte klicken Sie zur Auswahl auf eines der folgenden vier Logos:

Kampf gegen bürokratisches Monster

Heiner Frommann vor einem Werbeschild für sein Oldtimertreffen in Dibbersen
 
Geht eine Gefahr von einem Messerschmidt-Kabinenroller aus? Auch mit dieser Frage muss sich Heiner Frommann theoretisch beschäftigen (Foto: archiv / os)

Buchholz: Veranstalter Heiner Frommann muss erstmals ein Sicherheitskonzept für sein Oldtimertreffen vorlegen

os. Dibbersen. Bislang lief es so: Heiner Frommann, Liebhaber alter Fahrzeuge, lud zum Oldtimertreffen rund um sein Gasthaus in Dibbersen, bis zu 3.000 begeisterte Besucher kamen und staunten in gemütlicher Atmosphäre über die 400 automobilen Schätze. Bei der 15. Auflage des Oldtimertreffens, die am 9. April stattfinden soll, ist es mit solch einer Leichtigkeit dahin. Schuld ist die Bürokratie: Frommann muss erstmals ein detailliertes Sicherheitskonzept für seine Veranstaltung vorlegen. Auslöser ist der Lkw-Anschlag auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz in Berlin im Dezember 2016.
Offenbar gab in dessen Folge das Landes-Innenministerium die Weisung heraus, dass sich Veranstalter von Freiluft-Events, die nicht unter die Versammlungsstättenverordnung fallen, Gedanken über mögliche Gefährdungsszenarien machen sollen. Vor Ort sollen die Ordnungsämter die Weisung mit Hilfe der Polizei-Inspektionen umsetzen. „Ich sehe das als eher unterschwellige Aufgabe an. Wir wollen hier kein großes Fass aufmachen“, erklärt Buchholz‘ Bürgermeister Jan-Hendrik Röhse auf WOCHENBLATT-Nachfrage.
Tatsächlich sahen sich Veranstalter Frommann sowie Dibbersens Ortsbürgermeister Christian Horend und DRK-Kreisbereitschaftsleiter Jan Bauer dem genauen Gegenteil gegenüber, einem bürokratischen Monster. Bis ins letzte Detail sollte das Trio belegen, worum es beim Oldtimertreffen geht. Dabei verlangte die fleißige Sachbearbeiterin u.a. eine exakte textliche Beschreibung inklusive Durchführungszeiten, Programm, Auf- und Abbauzeiten, Benennung sämtlicher Aktivitäten und Benennung „möglicher Werbemaßnahmen“. Zudem wird ein zeitlicher Ablauf in tabellarischer Form verlangt, weiterhin ein „vollständiger und genauer Aufbauplan“. Zudem wird das Teilnehmerprofil abgefragt: Wie hoch ist die erwartete Besucherzahl, wie alt sind diese und wie werden sie sich beim Oldtimertreffen verhalten?
Frommann erbat sich Hilfe von Horend und Bauer, die einen Entwurf an die Stadtverwaltung schickten. Antwort der Sachbearbeiterin: Das Sicherheitskonzept ist nicht ausreichend. Das ist überraschend, da Jan Bauer durch seine Tätigkeit beim DRK sich wie kaum ein anderer mit Sicherheitskonzepten auskennt. Er berät die Hamburger Innenbehörde bei Großveranstaltungen wie dem Motorrad-Gottesdienst mit bis zu 12.000 Teilnehmern, ist zudem regelmäßig beim Rockfestival in Scheeßel (Landkreis Rotenburg) vor Ort. „Warum sucht die Stadt nicht das Gespräch, wenn sie das ganze Prozedere schlank halten möchte?“, fragt Bauer. „Wir haben beim DRK doch die Expertise.“
Horend und Bauer besserten nach - und erhielten im zweiten Anlauf grünes Licht. In dem Konzept stehen Sätze wie: „Auf dem Gelände zugelassene historische Lastkraftwagen sind bauartbedingt nicht in der Lage die zur Herstellung einer vergleichbaren Anschlagsituation (mit der in Berlin, d. Red.) erforderlichen Geschwindigkeiten aufzubauen“ oder „Nicht verhindert werden können Anschläge, die mit Drohnen, flüssigen, festen oder gasförmigen Kampfstoffen, biologischen Kampfstoffen durchgeführt werden. Ebenso die Tötungs- oder Schädigungsabsichten von Besuchern mittels Messern, Schusswaffen, Sprengstoffen, Spritzen, Viren“.
Heiner Frommann kann sein Oldtimertreffen wohl wie geplant durchführen, der Ärger über den zusätzlichen Aufwand steht ihm deutlich ins Gesicht geschrieben: „Wenn die Sicherheitslage in Deutschland so schlimm ist, dann ist es doch Aufgabe des Staates, seine Bürger zu schützen und nicht von privaten Veranstaltern, oder nicht?!“

KOMMENTAR

Diese Auflagen sind deutlich überzogen

Der Ansatz, dass sich Veranstalter Gedanken über die Sicherheit ihrer Gäste machen sollen, ist gut und verständlich. Aber bitte mit Augenmaß und im Bereich des Machbaren: Ein Sicherheitskonzept, wie es die Stadt Buchholz von Heiner Frommann für sein Oldtimertreffen in der kleinen Ortschaft Dibbersen gefordert hat, schießt deutlich über das Ziel hinaus. Wenn das Schule macht und es den Ordnungsämtern, hier exemplarisch in Buchholz, künftig nicht gelingt, die Auflagen für Veranstaltungen schlank zu halten, droht das Ende von privatem Engagement.
Der Staat kann es nicht ernsthaft von einem Laien verlangen, ein professionelles Sicherheitskonzept aufzustellen, wenn nicht einmal das von DRK-Profis ohne Nachbesserungen akzeptiert wird. Veranstalter werden sich unter diesen Umständen zwei Mal überlegen, ob sich der Organisationsaufwand lohnt. Das kulturelle, aber auch das sportliche Leben in der Gesellschaft würde deutlichen Schaden nehmen. Buchholzer Stadtlauf, Weihnachtsmärkte, Schützen- und Stadtfeste, der große Flohmarkt auf dem Möbel-Kraft-Parkplatz - diese Veranstaltungen durch bürokratische Hürden zu gefährden, kann niemand ernsthaft wollen.
Und schließlich: Mit einem Sicherheitskonzept wird den Menschen eine scheinbare Sicherheit suggeriert, die es de facto nicht gibt. Kein Veranstalter kann auf alle Eventualitäten vorbereitet sein. Radikalisierte und kranke Menschen, die anderen schaden wollen, finden einen Weg für ihre Taten. Abseits jeden Sicherheitskonzepts. Oliver Sander