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Wider das Vergessen

Mehr als 200 Menschen kamen zum Holocaust-Gedenktag in die Förderschule "An Boerns Soll"
 
Schulleiter Martin Ihlius (v. li.) im Gespräch mit Ex-Landtagsabgeordneter Silva Seeler und Laurens Spethmann (Spethmann Stiftung)

"Jeder Mensch hat ein Recht auf die eigene Geschichte!": Bewegender Holocaust-Gedenktag in der Förderschule "An Boerns Soll"

(os). "Die Konfrontation mit der eigenen Geschichte war für die Schüler ein sehr sensibles, aufwühlendes Thema. Es war aber eine hervorragende Entscheidung, den Gedenktag hier durchzuführen." Das sagte Martin Ihlius, Leiter der Förderschule "An Boerns Soll" in Buchholz, am vergangenen Dienstag beim Holocaust-Gedenktag. Mehr als 200 Gäste kamen in die Förderschule.
Der "Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus" am 27. Januar wird seit 1996 bundesweit begangen. Erinnert wird an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch die Rote Armee am 27. Januar 1945. An jedem Tag befreiten die Soldaten rund 7.000 Menschen, die die Nationalsozialisten im KZ Auschwitz gefangen hielten. In dem Vernichtungslager brachten die Nazis von 1940 bis 1945 mehr als 1,1 Millionen Juden um.
In Buchholz übernimmt reihum eine andere Institution die Organisation des Gedenktages. In diesem Jahr stand er unter dem Motto "Begrenzt befreit?" und thematisierte den Umgang der Nationalsozialisten mit behinderten und kranken Menschen. "Behinderte hatten bei den Nazis kein Lebensrecht. Seit 1933 fand eine totale Entrechtung statt", erinnerte Ihlius.
400.000 Menschen mit Behinderung sei das Recht auf eine eigene Familie genommen worden, verdeutlichte Dr. Carola Rudnick. Die Leiterin der Bildungs- und Gedenkstätte “Opfer der NS-Psychiatrie” in Lüneburg hatte in den vergangenen Monaten zusammen mit Studenten der Leuphana-Universität Lüneburg mit den Buchholzer Förderschülern den Gedenktag inhaltlich vorbereitet. Mehr als 5.000 behinderte Kinder und 70.000 Erwachsene seien im Hitler-Deutschland gezielt getötet worden, oft ohne dass ihre Familien davon erfuhren. 200.000 weitere Menschen seien durch Medikamente und durch Aushungern ermordet worden.
Die Befreiung des KZ Auschwitz sei leider keine Befreiung der Menschen mit Behinderung gewesen, betonte Carola Rudnick. Auch nach dem zweiten Weltkrieg seien Behinderte lange systematisch von der Aufarbeitung ihrer Geschichte abgehalten worden. Noch heute litten Menschen mit körperlichen und psychischen Erkrankungen unter Gewalt und Ausgrenzung, "wenn auch viel subtiler" als früher. Rudnick forderte eine stärkere Integration von Behinderten und zitierte Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl: "Die Menschlichkeit einer Gesellschaft zeigt sich nicht zuletzt darin, wie sie mit ihren schwächsten Mitgliedern umgeht!"
Buchholz' Bürgermeister Jan-Hendrik Röhse lobte die Organisatoren des Gedenktages und forderte: "Die Erinnerung darf nicht enden, sie muss auch künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen."
Vor der offiziellen Gedenkfeier hatten die Förderschüler die Ergebnisse ihrer Forschungen in einer beeindruckenden Ausstellung präsentiert. Die Fünft- bis Zwölftklässler hatten sich ganz individuell mit den Themen Menschen- und Kinderrechte und "Anders sein" beschäftigt. Heraus kamen u.a. tolle Kunstwerke, ein Zeitstrahl mit den wichtigsten Ereignissen zwischen 1933 und 1945 und Dokumentationen von Schicksalen wie dem kleinen Heinz Schäfer, der im Alter von vier Jahren von den Nazis mit Medikamenten umgebracht wurde.
Bei der abschließenden Podiumsdiskussion sagte Förderschüler Manuel Wagner: "Ich bin froh, dass ich heute lebe und hoffe, dass Behinderte nie wieder so leiden müssen wie im Nationalsozialismus."