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„Wir hängen völlig in der Luft“

"Engagement wird mit Füßen getreten": Lothar Hillmann, Vorsitzender des TSV Buchholz 08
Landesregierung regelt Freiwilligendienst neu / Auswirkungen auf Schulen und Sportvereine unklar
(os). Dreieinhalb Monate ließ sich das Niedersächsische Kultusministerium Zeit, ehe es vor Kurzem den Schulen einen Erlass zusandte, der den Freiwilligendienst neu regelt und erheblichen Einfluss auf die Arbeitsabläufe haben wird: Demnach soll die Kooperation von Schulen und Sportvereinen beim Freiwilligendienst künftig nicht mehr möglich sein. Sportvereine kritisieren den Erlass scharf. Der Bundesfreiwilligendienst soll von dem Erlass nicht betroffen sein.
In dem Erlass steht, dass Schulen künftig eine Einsatzbeschreibung erstellen müssen, die von der Landesschulbehörde zu genehmigen ist. Die Tätigkeit von Freiwilligen dürfe ausschließlich Landesaufgaben beinhalten und müsse „arbeitsmarktneutral“ sein. Der Einsatz von Freiwilligen dürfe nur noch an einer Einsatzstelle erfolgen. Warum die Landesregierung sich für die Neuregelung entschied, geht aus dem Schreiben an die Schulen nicht hervor.
Betroffen sind zahlreiche Schulen in Niedersachsen, die bislang mit Sportvereinen kooperierten, in denen junge Menschen ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) absolvierten. „Wir werden künftig weniger AGs in den Partnerschulen anbieten können“, sagt Stefanie Teske, Geschäftsführerin des Buxtehuder SV (BSV). Bislang hatte der BSV vier FSJ-Stellen, zwei im Gesamtverein und zwei in der Marketingabteilung der BSV-Bundesligahandballerinnen. „Wir werden künftig nur noch drei FSJ-Stellen haben“, kündigt Teske an. Sie kritisiert den neuen Erlass: „Das FSJ war zur Selbstfindung der jungen Menschen sehr wichtig. Dass ihnen diese Möglichkeit nun genommen werden soll, ist sehr schade.“
„Die FSJler haben bislang eine sehr positive Entwicklung in ihrer Persönlichkeit genommen“, sagt auch Lothar Hillmann, Vorsitzender des TSV Buchholz 08. Es sei unsozial zu unterbinden, dass junge Menschen nach der Schule und vor ihrer Ausbildung erste berufliche Erfahrungen sammeln. „Wir verlieren alle in einer Situation, in der vorher alle gewonnen haben“, kritisiert er. Er ärgert sich auch über die mangelhafte Kommunikation“ des Kultusministeriums. Bis heute seien die Auswirkungen der neuen Regelung unklar: „Schulen und Vereine hängen völlig in der Luft“, so Hillmann. Buchholz 08 hatte gerade mit zwei jungen Frauen ein FSJ ab dem 1. August vereinbart. „Wir wissen nicht, ob wir dieses Angebot aufrecht erhalten können. Das ist eine höchst unbefriedigende Situation“, so Hillmann. Auch die beiden Partnerschulen des Sportvereins, die Wiesenschule in Buchholz und die Grundschule in Sprötze, wissen nicht, ob sie im kommenden Schuljahr auf die Unterstützung der FSJler bauen können. Gerade hatten die Schulen Spenden zur Co-Finanzierung der Freiwilligen über die St. Paulus-Stiftung, die Hoth-Stiftung und den Lions Club organisiert. Hillmann: „Die Landesregierung tritt das Engagement von Schulen und Sportvereinen mit Füßen!“
• Offenbar hat nun auch die Landesregierung gemerkt, was sie mit ihrer neuen Regelung angerichtet hat. Kurz vor Redaktionsschluss erreichte die WOCHENBLATT-Redaktion aus dem Kultusministerium - statt der Antworten auf einen Fragenkatalog - eine Pressemitteilung. Inhalt: Kultusministerin Frauke Heiligenstadt habe am Mittwoch im Gespräch mit dem Vorsitzenden des Landessportbundes, Reinhard Rawe, vereinbart, die bisherige Regelung vorerst beizubehalten und im Laufe dieses Jahres über neue Regelungen zu beraten. Eine Rückwärtsrolle der Regierung nach offenbar heftigen Reaktionen aus den Vereinen!
Die Hauptfrage der Vereine bleibt indes unbeantwortet: Können die FSJler in diesem Jahr zum 1. August eingestellt werden oder nicht? Hier wäre eine schnelle Antwort aus Hannover hilfreich.