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"Erwartung und Wirklichkeit passen oft nicht zusammen"

Bei der Ausbildung stimmen im besten Fall die Zusammenarbeit mit Vorgesetzten, die Arbeitszeiten und die Bezahlung (Foto: AutoReporter/VW)
 
Volker Linde (Foto: IHK)

Alarmierende Zahlen: Mehr als 25 Prozent der Auszubildenden brechen ihre Ausbildung ab

(os/tk). So viele Auszubildende wie seit Anfang der 1990er-Jahre nicht mehr in Deutschland haben ihre Ausbildung abgebrochen. Das geht aus dem Entwurf des Berufsbildungsberichts des Bundesbildungsministeriums hervor. Demnach wurden im Jahr 2016 rund 146.000 Ausbildungsverträge vorzeitig aufgelöst, womit der Anteil der abgebrochenen Ausbildungen bei 25,8 Prozent liegt. Als Gründe werden eine schlechte Zusammenarbeit mit Vorgesetzten, ungünstige Arbeitsbedingungen, schlechte Bezahlung und falsche Berufsvorstellungen genannt. Am höchsten ist die Abbrecherquote bei Fachkräften für Schutz und Sicherheit (50,7 Prozent), sehr hoch ebenfalls bei Friseuren (49,6 Prozent) und Köchen (48,6 Prozent).
"Aus eigener Erfahrung können wir die Zahlen aus dem Berufsbildungsbericht des Bundes bestätigen", erklärt Andreas Baier, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft im Landkreis Harburg. Größtes Problem sei die mangelnde Vorbereitung vieler Auszubildender: "Häufig passen die Erwartung und die Wirklichkeit der Ausbildung nicht zusammen", betont Baier. Es komme immer wieder vor, dass es den Auszbildenden im Betrieb zu laut oder zu schmutzig sei. Das müsse nicht sein, so Baier. Er rät angehenden Lehrlingen, Praktika zu absolvieren: "Das praktische Kennenlernen ist immer der beste Weg herauszufinden, ob der Beruf und der Betrieb zu einem passen." Dafür lohne es sich, auch mal ein paar Ferientage zu opfern, betont Baier. Die Kreishandwerkerschaft biete Hilfe an: "Wir haben eine Liste mit Praktikumsplätzen und vermitteln gern."
Auch beim Thema Vergütung gebe es Bewegung, erklärt Baier. So habe zum Beispiel der Elektroverband auf Landesebene erkannt, dass er hier nachsteuern müsse, und die Vergütung der Auszubildenden von sich aus auf das höhere Niveau des Zentralverbandes Sanitär, Heizung und Klima angehoben.
"Die Abbruchzahlen machen einmal mehr deutlich, wie wichtig eine bessere Berufsorientierung ist, auch an Gymnasien", erklärt Volker Linde, Leiter des Bereichs Aus- und Weiterbildung bei der IHK Lüneburg-Wolfsburg. Ein weiterer Schritt sei, die Qualität der Ausbildung zu verbessern. Dazu nutze man die Ergebnisse einer landesweiten Befragung von rund 4.400 Auszubildenden aus dem Jahr 2017. Demnach ist jungen Menschen bei ihrer Suche nach einem geeigneten Ausbildungsplatz vor allem auf die Aussicht auf Übernahme (45 Prozent) und das Image des Ausbildungsbetriebs (40 Prozent) wichtig. Bei der Berufswahl stehe bei den Befragten der Spaß (69 Prozent) und gute Zukunftschancen (61 Prozent) an oberster Stelle, so Volker Linde.
Im Bereich der IHK Lüneburg-Wolfsburg liegt die Abbrecherquote bei 25 Prozent, in absoluten Zahlen bei 1.050 Verträgen pro Jahr. Allerdings gehe aus Studien des Bundesinstituts für Berufsbildung (BiBB) hervor, dass 50 Prozent der angeblichen Abbrecher ihre Ausbildung tatsächlich nicht abbrechen, sondern zum Beispiel den Ausbildungsbetrieb oder -beruf wechseln. Beziehe man diese Zahlen ein, so liege die tatsächliche Abbrecherquote bei unter zehn Prozent, erklärt IHK-Sprecherin Sandra Bengsch.
Karin Fischer, stellvertretende Geschäftsführerin für Aus- und Weiterbildung bei der IHK Stade, warnt vor pauschalen Urteilen. Die hohen Abbrecherzahlen müssten differenziert betrachtet werden. Die Zahl der Azubis steige, die einen Vertrag unterschrieben haben, die Ausbildung aber nicht anträten. Außerdem gebe es immer wieder Fälle von Mehrfachverträgen. Rekord im vergangenen Jahr: Eine junge Frau besaß vier Ausbildungsverträge. Zudem würden einige gekündigte Ausbildungsverhältnisse unmittelbar in einen neuen Vertrag in einem anderen Betrieb münden. Dennoch fließen all diese Auflösungen in die Statistik mit ein.
Richtig sei, dass in einigen Branchen eine bessere Vergütung gezahlt werden müsse. "Doch das ist nicht immer ausschlaggebend", sagt Fischer. Floristen gehörten zu den eher gering bezahlten Azubis, hätten aber eine Abbrecherquote von nur sieben Prozent. Wichtiger als Geld sei vielen Azubis Freizeit. Das habe eine Umfrage der IHK Stade 2012 gezeigt. Zeit für Freizeit und Freunde stehe bei den weichen Faktoren oben an. Das wiederum passe nicht immer zu den Anforderungen in den Betrieben - etwa in der Gastronomie und Hotelerie.
Der deutschlandweiten Debatte um die hohe Abbrecherquote bei Auszubildenden fügt Karin Fischer eine andere Zahl hinzu: Rund 30 Prozent aller Bachelorstudenten würden ihr Studium ebenfalls an den Nagel hängen, weil es ihnen nicht passt. Wenn ich an meine Schulzeit zurückdenke, dann hatten wir quasi überhaupt keine Berufsorientierung. Internet gab es damals nicht, ein einziges Mal kam eine Dame vom Arbeitsamt, die von den meisten Berufen, für die wir uns interessierten, überhaupt keine Ahnung hatte. Ihre Ausbildung oder ihr Studium haben trotzdem nur die wenigsten meiner Mitschüler abgebrochen.



Auf ein Wort

So viele Möglichkeiten wie noch nie

Ich bin der Meinung, dass Berufsorientierung mit den Informationsmöglichkeiten im Internet sehr gut möglich ist. Den Azubis von heute stehen so viele Quellen wie noch nie zur Verfügung, auch Berufsorientierungstage an Schulen und Ausbildungsmessen werden zuhauf organisiert. Schüler sollten diese Möglichkeiten nutzen, was bedeutet, einfach ein paar Wochen auf Youtube, Snapchat & Co. zu verzichten und zielgerichtet nach einem passenden Ausbildungsplatz zu suchen. Wenn sich dann noch die Eltern mehr für die Zukunft ihres Kindes interessieren, wäre es doch gelacht, wenn man die Abbrecherquote bei Azubis nicht deutlich senken könnte.
Oliver Sander