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Säugling tot: Vater muss sich vor Landgericht verantworten

Der Richter zweifelt an der Geschichte des Angeklagten (Foto: archiv)
bc. Stade. Warum musste der kleine Hans sterben? Der Frage geht seit Freitag das Landgericht Stade nach. Verantworten muss sich der Vater (33). Er ist angeklagt wegen gefährlicher Körperverletzung mit Todesfolge. Laut Staatsanwaltschaft soll er seinen knapp zwei Monate alten Sohn so stark geschüttelt haben, dass dieser Wochen später an irreversiblen Folgeschäden im Krankenhaus verstarb.

Mit feuchten Augen schilderte der Angeklagte - gepflegte Erscheinung, Jeans, Hemd, Krawatte - seine Version der Geschichte, was am 22. Januar 2016 passierte. Er lebte mit seinem Sohn alleine in der Wohnung im Altländer Viertel in Stade. „Ich habe meinem Sohn die Flasche gegeben. Dabei hat er sich verschluckt, hat geröchelt und sich übergeben. Ich bin mit ihm dann ins Kinderzimmer gegangen, habe ihn auf den Wickeltisch gelegt, um ihn umzuziehen“, sagte der Beschuldigte. Dann habe er sich kurz umgedreht, um sich selber ein neues T-Shirt anzuziehen. Als er Sekunden später wieder seinen Sohn anschaute, habe der nicht mehr geatmet. „Dann habe ich ihn unter die Arme genommen und einmal geschüttelt“, so der Angeklagte.

Ob das Kind blau angelaufen sei, wollte der Vorsitzende Richter Matthias Bähre wissen. „Das kann sein“, antwortete der Vater. Er wählte schließlich den Notruf, belebte sein Kind unter telefonischer Anweisung wieder, bis die Sanitäter eintrafen.
Im Gerichtssaal wurde deutlich, dass Bähre Zweifel an der Version des Angeklagten hat: „Das klingt schon sehr speziell, was Sie hier erzählen.“

Bähre ließ vor Gericht den Mitschnitt des eingegangenen Notrufs abspielen. Auffällig: Während der Angeklagte vor Gericht angab, er habe nach wenigen Sekunden den Notruf gewählt, nachdem er bemerkt hatte, dass Hans nicht mehr atmete, war laut Mitschnitt deutlich zu hören, dass er damals sagte, dass sein Kind seit fünf Minuten nicht mehr atme.

Die Vorgeschichte: Das Kind lebte beim Vater in Stade. Bei der Mutter (26), mit der der Angeklagte seit dem 12. Dezember 2014 verheiratet war, wurde während der Schwangerschaft eine Schizophrenie diagnostiziert. Sie musste in die Psychiatrie, wohnt danach aber wieder bei ihrem Ehemann. Kurz vor der Geburt zog sie jedoch zu ihrer Mutter, die angab - da sie ebenfalls als Zeugin geladen war -, dass ihre Tochter Angst gehabt habe.

Anfangs sei die Beziehung noch harmonisch verlaufen, in der Ehe sei sie allerdings auch fremdgegangen, so die Ehefrau. Einmal habe er sie betrunken gewürgt. „Das Kind war nicht geplant“, sagte die Mutter, die vor Gericht mit ihrer Betreuerin erschien.

Hans musste nach der Geburt lange in der Klinik bleiben, bis sich die Eltern vor dem Familiengericht auf ein geteiltes Sorgerecht einigten. „Das Jugendamt wollte nicht, dass ich das Kind bekomme. Am liebsten hätte ich es in eine Pflegefamilie gegeben. Ich hatte Sorge, dass er ihm was antut“, sagte die Mutter vor Gericht. Der Vater, der Elternzeit beantragte, erhielt schließlich das Aufenthaltsbestimmungsrecht.

Er bekam Unterstützung vom Jugendamt, von einer Mitarbeiterin der Arbeiterwohlfahrt und von einer Kinderkrankenschwester, die mehrfach die Woche Vater und Kind besuchten. Auf Nachfrage des Vorsitzenden Richters Bähre bei der Mutter, ob ihr bei Besuchen etwas aufgefallen sei, entgegnete sie: „Hans war gut drauf, sah gesund aus. Ich habe nicht erlebt, dass er nicht gut zu dem Kind war.“

Auch während ihr Kind im Krankenhaus um sein Leben kämpfte, hatten die Eltern noch Kontakt. Erst nachdem die Rechtsmedizin in Hamburg am 3. März Strafanzeige wegen des Verdachts der Kindesmisshandlung stellte und Hans sechs Tage später am 9. März verstarb, brach der Kontakt ab. Am 15. März wurde das Paar geschieden.

Der leitende Ermittler der Stader Polizei berichtete vor Gericht, dass der Angeklagte bei Übermittlung der Todesbotschaft „sichtlich betroffen gewesen sei“. Die Wohnung des Angeklagten sei sauber und sehr ordentlich gewesen.

Der Prozess wird am Mittwoch, 1. November, fortgesetzt. Dann kommen medizinische Sachverständige zu Wort. Bei der ersten Obduktion wurde bei dem toten Hans Eiter in der Lunge gefunden. Die Ergebnisse weiterer Untersuchungen sind bisher nicht bekannt. Auf Wunsch von Verteidigerin Katrin Bartels wird am Mittwoch auch die Mitarbeiterin der Arbeiterwohlfahrt (AWO) und die Kinderkrankenschwester als Zeugen geladen.