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"Altenpflege wird verlieren"

Professionelle emotionale Bindungen zu den Bewohnern sind in der Altenpflege wichtig (Foto: djd/randstad/Privat)
 
Dr. Bettina Müller
(bc). Die Bundesregierung plant die Generalisierung der Ausbildung von Alten-, Kranken- und Kinderkrankenpflege. Insbesondere für die Altenpflege könnte das zu einem großen Problem führen. Das WOCHENBLATT hat mit Dr. Bettina Müller gesprochen, Geschäftsführerin der "Altenpflege Landkreis Stade gGmbH", die drei Seniorenheime in Guderhandviertel, Buxtehude und Himmelpforten betreibt.

WOCHENBLATT: Was ist überhaupt Sinn und Zweck der Reform?

Dr. Bettina Müller:Es soll ein einheitlicher europäischer Standard in der Pflege-Ausbildung geschaffen werden.

WOCHENBLATT: Und wie sieht so eine dreijährige Ausbildung dann aus?

Müller: Es gibt eine gemeinschaftliche schulische Grundausbildung. Allerdings würden die Praxisphasen in den jeweiligen Einrichtungen deutlich kürzer ausfallen als bisher. Derzeit sind es in der Altenpflege ca. 2.000 Praxisstunden in drei Jahren. Nach der Reform werden die eigenen Auszubildenden nur noch etwa die Hälfte der Zeit im Haus sein. Der Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste hat ausgerechnet, dass es nur noch 20 Wochen in drei Jahren sein werden.

WOCHENBLATT: Was sind Ihre Befürchtungen?

Müller: Dass es zu einer Verflachung der Ausbildung kommt, dass wir examinierte Fachkräfte bekommen, die nur noch über Halbwissen verfügen, und dass wir nachqualifizieren müssen.

WOCHENBLATT: Warum ist der Praxisteil während einer Ausbildung im Seniorenheim so wichtig?

Müller: Die Bindung zum Haus, zu den Kollegen und besonders zu den Bewohnern geht andernfalls verloren. Professionelle emotionale Bindungen sind wichtig. Das ist anders als in der Krankenpflege, wo die meisten Patienten nur kurz auf einer Station bleiben. Der Fokus der einheitlichen Ausbildung liegt zu sehr auf dem Krankenhausbereich. Verlierer werden die Altenpflege und die Kinderkrankenpflege sein.

WOCHENBLATT: Wie sieht es bei den Pflegehelfern aus, die schon jahrelang im Betrieb arbeiten und sich erst spät entscheiden, ein Examen zum Altenpfleger abzulegen?

Müller: Die könnten durch eine einheitliche Ausbildung abgeschreckt werden, weil plötzlich die Bindung zum Haus fehlen würde. Wir brauchen aber dringend examinierte Kräfte. Der Mangel nimmt zu. Früher hatten wir 20 Bewerbungen auf eine Stelle, heute sind es manchmal nur noch zwei bis drei.

WOCHENBLATT: Wird die neue Ausbildung auch teurer?

Müller: Ja, das ist so. Mentoren, also Praxisanleiter, übernehmen in den Heimen die Koordination der Ausbildung. Viel stärker als früher. Die Kosten sollen über den Pflegesatz refinanziert werden, was letztendlich die Kosten für die Bewohner erhöht. In dem Fall hätten Betriebe, die viel ausbilden, einen Wettbewerbsnachteil.

WOCHENBLATT: Ist die generalisierte Ausbildung nicht auch positiv für künftige Altenpfleger zu sehen, da ihre Gehälter dann an die ihrer Kollegen in den Krankenhäusern angepasst werden, die öfter mehr verdienen?

Müller: Das funktioniert aber nur, wenn die Pflegekassen das auch anerkennen und mehr bezahlen würden.

WOCHENBLATT: Derzeit wird heftig über die Pläne für den Einheitspfleger gestritten. Wie sieht der Protest in der Region aus?

Müller: Es gibt einen Arbeitskreis von Altenpflegeeinrichtungen (siehe Info-Kasten), der derzeit versucht, die Politik auf Landkreis- aber auch auf Bundesebene für dieses Thema zu sensibilisieren. Wir hatten bereits ein gutes Gespräch mit dem CDU-Bundestagsabgeordneten Oliver Grundmann.


Arbeitskreis sichert Nachwuchsarbeit


Altenpflegeeinrichtungen im Landkreis Stade haben sich vor Jahren zum Arbeitskreis AKI zusammengeschlossen. Diese Kooperation hat allen vertretenen Einrichtungen strenge Qualitätskriterien auferlegt, die regelmäßig überprüft werden. Der AKI unterhält außerdem eine enge Zusammenarbeit mit dem örtlichen Altenpflegeausbildungsträger (BBS III Stade), um das Interesse an der Altenpflegeausbildung zu fördern und die Nachwuchsarbeit langfristig zu sichern.