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Barrierefreiheit in Buxtehude? Ein Selbsttest, der nachdenklich macht

Kerstin Prigge passt auf, dass ich nicht auf dei Straße gerate (Foto: tk)
 
Jonathan Henning, Marie Stroetmann (vorne v.li.), Prof. Dr. Barbara Zimmermann und Ronja Helmchen von der HS21 informeirten über Sturzprophylaxe (Foto: tk)
Selbsttest am Aktionstag für Barrierefreiheit: Hindernislauf mit Blindenstock

tk. Buxtehude. Nach wenigen Sekunden habe ich die Orientierung komplett verloren. Durch die schwarze Schlafmaske sehe ich nichts. Kerstin Prigge, Vorsitzende des Beirats für Menschen mit Behinderungen im Kreis Stade, legt mir den Blindenstock in die Hand. Vorsichtig tapse ich einige Schritte vorwärts. Ich stehe mitten auf der Buxtehuder Fußgängerzone, ein Ort, der mit bestens bekannt ist, und doch habe ich keine Ahnung wo ich mich ohne meine Sehkraft befinde.



Kerstin Prigge hat mich, WOCHENBLATT-Reaktionsleiter Tom Kreib, zu diesem Selbsttest aufgefordert. "Sie wissen dann besser, worüber Sie schreiben." Sie hat auf eindrucksvolle Art recht. Ich habe den Aktionstag der Interessengemeinschaft "Barrierefreies Buxtehude" am Samstag in der Fußgängerzone besucht. Mit Ständen und Aktionen machen Vereine und Institutionen, Lebenshilfe. Hochschule 21, SoVD, Gemeinsam Inklusik Aktiv und die DKMS-Kontaktgruppe, auf Probleme aufmerksam.
"Klong", der Stock schlägt hart und hörbar gegen Metall. Dort geht es nicht weiter. "Mehr ausholende Bewegungen", fordert mich Kerstin Prigge auf. Rechts scheint kein Hindernis zu sein. "Sie haben einen starken Rechtsdrall", korrigiert mich meine Begleiterin, die mich sicherheitshalber am Arm festhält. Ich war der Meinung, ich gehe schnurstracks geradeaus.

Der lange Stock mit seiner golfballartigen Kugel ist ein Fremdkörper für mich. "Mehr schwingen", fordert Kerstin Prigge erneut. Rechts und links ist etwas Hartes. Ich habe mich verheddert, kein Weiterkommen, ich und soll mich um 45 Grad drehen. Kerstin Prigge rückt mich zurecht. Ich hatte mich zuweit gedreht.
Und wieder das "Klong". Die dekorativen Metallpfosten in der Fußgängerzone sind ein übles Hinderniss, begreife ich nach kurzer Zeit. Ich tapse weiter. Plötzlich packt mich Kerstin Prigge energisch am Arm: "Jetzt wären sie auf die Fahrbahn gelaufen".
Der Übergang zwischen Fußgängerzone und Beginn der Straße sei selbst für Blinde, die über viel Erfahrung mit dem Stock verfügen, kaum wahrnehmbar, kritisiert die Vorsitzende des Beirats. Es fehlt entweder ein spürbarer Höhenunterschied oder ein Rillenpflaster das signalisiert: hier beginnt die Straße.

Wir besprechen am Stand des Beirats meine Erlebnisse. Die Buxtehuder Fußgängerzone, betont Kerstin Prigge, ist für Blinde und Sehbehinderte alles andere als barrierefrei. An unterschiedlichen Pflasterungen können sie sich nicht orientieren und auch an der Häuserzeile als Leitlinie nicht. Tische und Stühle, Ständer und Schilder versperren den Weg. Menschen mit starker Sehbehinderung können zudem nicht die grauen und roten Steine unterscheiden. Auch das probiere ich mit einer Spezialbrille aus. Ob es irgendwo eine Stufe rauf oder runter geht, kann ich nicht mehr erkennen.

Weil wohl kaum zu erwarten ist, dass die Buxtehuder Fußgängerzone so umgestaltet wird, dass jeder Mensch mit Einschränkungen beim Sehen gefahrlos zu Fuß unterwegs sein kann, hat Kerstin Prigge noch einen wichtigen Tipp parat, wie jeder helfen kann: "Sprechen sie die Betroffenen an. Bieten sie Ihre Hilfe an".