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"Bin ich seltsam?": Angst vor Knöpfen

Für die meisten Menschen normal, für einige wenige der blanke Horror: Knöpfe

tk. Buxtehude. Schon als Kind zog Andrea* (52) am liebsten Pullover und T-Shirts an. Als junge Frau mit einem Job im Büro blieben die Blusen für das Business-Outfit meistens im Kleiderschrank. Unbewusst hat die kaufmännische Angestellte schon immer vermieden, was ihr Unbehagen bereitet: Knöpfe.

Andrea gehört zu den Menschen, die in leichter Ausprägung eine Phobie (Angststörung) haben. Für ihren anhaltenden Horror vor Knöpfen gibt es sogar einen Fachausdruck: Koumpounophobie. Mehr als 600 Angststörungen gibt es. Andrea ist dabei ein harmloser Fall. "Es gibt schließlich Alternativen zu Knöpfen wie Reißverschlüsse", sagt sie. Dennoch ist ihr Unbehagen beim Anblick von Knöpfen typisch für Angststörungen, die Außenstehenden manchmal skurril erscheinen: Furcht vor Watte, Fröschen, Clowns, oder der Zahl vier.
"Ich dachte, außer mir empfindet niemand so", sagt Andrea. Bis sie vor einigen Jahren zufällig feststellte: "Einer Freundin geht es genauso." Bis dahin dachte sie nur, "ich bin ein bisschen seltsam." Für die Buxtehuderin gibt es sogar eine Abstufung von Ekelknöpfen: Große durchsichtige mit Löchern sind viel schlimmer als kleine Knöpfchen, die hinten mit einer Öse angenäht werden. Klar ist auch: Ihre Bettwäsche hat keine Knöpfe, sondern wird nur umgeschlagen. Mit Knöpfen leben kann sie nicht. Vor einigen Wochen lag ein Knopf neben Andreas Telefon. "Den musste ich wegräumen", sagt sie.
Wie es zum "Knopf-Hass" kam, weiß Andrea nicht mehr. In Internetforen wird meist erklärt, dass es sich um negative oder traumatische Erfahrungen handeln müsse, die Betroffene irgendwann gemacht haben. Dunkel erinnert sie sich daran, dass in ihrer frühesten Kindheit reisende Händler, unter anderem mit Knöpfen auf Pappkarten, an der Haustür ihrer Eltern geklingelt hätten. Vielleicht hat sich die kleine Andrea damals erschreckt?
Für Professor Dr. Martin Huber, Chefarzt der Psychiatrie des Elbe Klinikums Stade, ist eine Angststörung dann schwerwiegend, wenn der Leidendruck groß ist und die Angst beginnt, das Leben einzuschränken. Bei Knöpfen sei das nicht unbedingt der Fall. Ein anderes Beispiel:Viele Menschen befürchten zu erröten, wenn sie vor größeren Gruppe sprechen müssen. Wer wegen Angst vor Referaten Schule oder Ausbildung hinschmeiße, sollte sich Rat holen. Wer aus Frucht vor Menschenansammlungen das Haus nicht mehr verlässt, braucht unbedingt Hilfe. Wer aber nur den Fahrstuhl meide, müsse nicht unbedingt eine Therapie beginnen.
Der Experte sagt zum Prinzip der Vermeidungsstrategie: "Es ist immer besser, sich seinen Ängsten zu stellen als ihnen auszuweichen." Wer sich der vermeintlichen Gefahr bewusst aussetze, merke schnell, dass die Angst unbegründet ist.
Ein gutes Beispiel dafür ist Goethe. Der hatte sowohl Höhen- als auch Platzangst. Bewusst habe der Dichter deshalb die lautesten Volksfeste besucht und die höchsten Gebäude erklommen. Seine Ängste hat er dadurch überwunden, so der Psychiater.
Andrea hat übrigens viele Leidensgenossen, die im Internet munter über ihre Ängste diskutieren. "Manche Internetforen würde ich aber mit Vorsicht genießen", sagt Prof. Huber. Wer sich intensiv mit einem leichten Unbehagen beschäftige, könne sich auch in eine Angst hineinsteigern. Das macht Andrea nicht. Sie genießt ihr Leben einfach knopffrei.
* Name von der Redaktion geändert