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"Die Eltern werden wütend"

An vielen Schulen im Landkreis klagen Eltern und Schüler über Unterrichtsausfall (Foto: Fotolia/DBPics)
(bc). Chronischer Lehrermangel scheint kein Einzelschicksal des Harsefelder Aue-Geest-Gymnasiums (AGG) zu sein, wie eine Vielzahl an Leserzuschriften an die WOCHENBLATT-Redaktion zeigt. Wie berichtet, hat vor Kurzem der Bundesverband Deutscher Anzeigenblätter (BVDA), dem auch die WOCHENBLATT-Gruppe angehört, das Thema Unterrichtsausfall bundesweit aufgegriffen. Im WOCHENBLATT klagte AGG-Schulelternrats-Vorsitzende Kordula Schäfer angesichts des massiven Unterrichtsausfalls: "Wir können die Situation nicht länger hinnehmen."

Eine ehemalige Schülerin des AGG stößt jetzt ins gleiche Horn: Laura Gries (19) studiert mittlerweile Theologie an der Universität Hamburg. Vergangenes Jahr absolvierte sie ihr Abitur in Harsefeld. Sie kann sich noch gut an ihre Schulzeit erinnern: in der 7. Klasse jeweils nur ein Halbjahr Geschichte, Musik und Sport, in der 8. Klasse jeweils nur ein Halbjahr Kunst und Chemie und in der 9. Klasse weder im ersten noch im zweiten Halbjahr Religions- oder Werte- und Normen-Unterricht. "Dieser gesamte Unterrichtsausfall war Tatsache, obwohl das Kultusministerium ein volles Schuljahr in jedem Unterrichtsfach in diesen Klassenstufen vorschreibt", sagt die Studentin.

Der Wegfall von Unterricht habe nicht nur drastische Folgen für die weitere Schullaufbahn, sondern auch eine katastrophale Auswirkung auf die Eltern-Lehrer-Beziehung. Die frühere AGG-Schülerin: "Eltern werden wütend, weil ihren Kindern nicht der vorgeschriebene Unterrichtsplan erteilt werden kann."
Auch an der Realschule Nord in Buxtehude gibt es Eltern, die sich Gedanken über die Bildungsmisere machen. Margit Huth (46) hat einen Sohn an der Schule in der 9. Klasse. "Der Stundenausfall ist enorm", sagt die Diplom-Sozialpädagogin. Die Lehrer, die an der Schule unterrichten, könnten am wenigsten für das ganze Dilemma. "Sie geben, was sie können." In Deutschland brauche sich niemand über mangelnden qualifizierten Nachwuchs beklagen - der sei hausgemacht. "Ich wäre bereit, mich aktiv zu engagieren, auch wenn meine Kinder bald die Schule verlassen", so Huth weiter.

Die Kooperative Gesamtschule in Drochtersen scheint ebenfalls nicht vom Unterrichtsausfall verschont zu werden. Die Mutter eines Jungen, der die 8. Klasse besucht, berichtet: "Seit einigen Schuljahren ist es gängige Praxis, dass entweder Physik oder Chemie in einem Halbjahr auf dem Stundenplan steht." Die Zensur des nicht unterrichteten Fachs bleibe einfach im Zeugnis stehen. Außerdem fiel das Fach "Wirtschaft" aus "schulorganisatorischen Gründen" im ersten Halbjahr komplett aus. "Die Drochterser Schule rühmt sich auf ihrer Homepage mit dem Slogan 'Sportfreundliche Schule Niedersachsen' und 'Talent Förderung'", sagt die Mutter. Dabei sei bis vor Kurzem nur alle 14 Tage Sportunterricht erteilt worden. Mittlerweile falle dieser ganz aus.

Das Problem des pädagogischen Engpasses existiert offenbar genauso an der Grundschule am Burggraben in Stade. Dort muss der fünfjährige Tim* bereits um 7.25 Uhr zur Sprachfördergruppe. "Das ist für einen Fünfjährigen etwas zu früh", beschwert sich der Vater, der anonym bleiben möchte. Auf Nachfrage in der Schule gebe es keine andere Möglichkeit, da absoluter Lehrermangel herrsche: "Die Lehrerin betreut ab 8 Uhr sogar eine zweite Klasse. Somit ist mein Kind teilweise ohne Betreuung."

Unterdessen hat sich die SPD-Landtagsabgeordnete Petra Tiemann bei AGG-Schulelternratsvorsitzende Schäfer gemeldet. Tiemann hat eine Anfrage an das Kultusministerium in Hannover gestellt, in der die Harsefelder Sorgen beleuchtet werden. Die Eltern sind gespannt, ob mit einer Besserung zu rechnen ist.
*Name von der Redaktion geändert