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Drogen als Therapieform

Stefan S. (re.) ist nach eigener Aussage ein Anhänger des mittlerweile verstorbenen Schweizer Therapeuten Samuel Widmer (Foto: dpa)
bc. Stade/Handeloh. Psychotherapeut und Diplom-Psychologe Stefan S. (52) aus Aachen, der mit seinem aus dem Ruder gelaufenen Massenrausch-Seminar im Heideort Handeloh vor mehr als zwei Jahren für einen Mega-Rettungseinsatz sorgte, muss sich seit vergangener Woche vor dem Landgericht Stade wegen des Besitzes und Überlassens von Betäubungsmitteln verantworten (das WOCHENBLATT berichtete). Zum Prozessauftakt ließ der Familienvater keinen Zweifel daran, wie er zum Thema Drogen steht.
Eine Wende in seinem Leben sei die schicksalhafte Begegnung mit dem Schweizer Therapeuten Samuel Widmer gewesen. Widmer, der Anfang des Jahres verstorben ist, ist Gründer der Kirschblütengemeinschaft, laut eigenen Angaben auf deren Homepage eine „Gemeinschaft von ca. 100 Erwachsenen und ebenso vielen Kindern und Jugendlichen, die sich vor allem in Nennigkofen, Lüsslingen, Solothurn und Umgebung im Schweizer Mittelland niedergelassen hat“.
Kritiker bezeichnen die Gruppe als sektenartig, die Zentralstelle für Weltanschauungsfragen der Evangelischen Kirche stufte sie als „problematisch“ ein. Ein gemeinsamer Nenner dieser Gemeinschaft ist u.a. das Interesse an der Psycholyse - so nachzulesen auf der Internetseite.
Bei der Psycholyse-Therapie wird mit bewusstseinserweiternden Substanzen gearbeitet. Das Verfahren soll u.a. bei der Heilung von Traumata helfen. Auch wenn es sich in Handeloh um keine Psycholyse gehandelt habe, könne er die Methode nicht verdammen, sagte Stefan S. vor Gericht.
Auf der Homepage der Kirschblütengemeinschaft heißt es in einem Artikel aus dem Jahr 2015, dass mit Blick auf die Ereignisse in Handeloh, bei denen 29 Seminarteilnehmer inklusive dem Angeklagten und seiner Ehefrau in die Klinik eingeliefert werden mussten, nicht nur versucht werde, eine Therapieform zu diskreditieren, sondern auch ein Rufmord an Menschen betrieben werde, die einfach anders leben wollen. Im Gegensatz dazu liest man in Medienberichten von Aussteigern, die erzählen, dass die Therapie mit Drogen abhängig mache.
Eine weitere wichtige Säule der Kirschblütengemeinschaft ist die Sexualität, ebenfalls nachzulesen auf deren Homepage. Dort erzählen Mitglieder von offenen Beziehungen, die eine große Herausforderung seien. Die Liebe sei nicht nur auf einen Partner und die eigenen Kinder beschränkt, sondern dürfe sich ausdehnen. Erst jüngst hat die prämierte Drehbuchautorin Ariela Bogenberger in der BR-Dokumentation „Aussteigen“ von ihren Erlebnissen in der Kirschblütengemeinschaft berichtet. Sie erzählt u.a. von tantrischen Ritualen, die man auch Sexorgien nennen könnte. Auch in Handeloh berichteten Rettungskräfte von mehreren Personen, die nackt auf dem Rasen lagen.
Das WOCHENBLATT hat versucht, Kontakt zur Kirschblütengemeinschaft aufzunehmen, bislang ohne Erfolg. Der Prozess gegen Stefan S. wird am 22. November fortgesetzt.