Bitte klicken Sie zur Auswahl auf eines der folgenden vier Logos:

Eine Gratwanderung bei Demenz

Liebevoll Ansprache bringt meistens mehr als jede Form von Zwang (Foto: Fotolia © Alexander Raths)

(tk). Ein Senior (85) ist vor fast drei Wochen aus einem Seniorenheim in Buxtehude verschwunden. Von dem alten Herrn, der an Demenz erkrankt ist, fehlt jede Spur. Eine großangelegte Suchaktion der Polizei blieb ergebnislos. Wie gehen Pflegeeinrichtungen mit diesem Sicherheitsproblem um? Auch Demenzkranke haben ein Recht auf Selbstbestimmung und Bewegungsfreiheit. Maßnahmen, die ihre Freiheit beschränken, sind nur unter strengen Auflagen zulässig. "Das ist eine hochkomplizierte Gratwanderung", sagt eine Praktikerin aus der Seniorenarbeit.

Das Thema ist zudem heikel. Die meisten Menschen, mit denen das WOCHENBLATT gesprochen hat, wollen daher anonym bleiben.

"Hochsensibel", nennt Dr. Norbert Aping, Direktor des Amtsgerichts Buxtehude und Familienrichter, das Problem. Der Jurist erklärt rechtliche Grundlagen: Eine Pflegeeinrichtung dürfe keinerlei Zwangsmaßnahmen anordnen. Das müsse ein Betreuer beantragen, ein Arzt müsse das begutachten und die Entscheidung falle bei Gericht. Auch für Demenzkranke gelte salopp formuliert: Jeder Mensch habe das Recht abzuhauen.

Ohne richterliche Genehmigung dürfe weder eine Zimmertür abgeschlossen, ein Mensch im Bett oder auf einem Stuhl fixiert werden. Das Ruhigstellen mit Medikamenten komme dem Fixieren rechtlich gleich. Aping: "Es muss der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit gelten." Grundsätzlich müsse immer das mildeste Mittel zum Einsatz kommen. Beispiel: Wenn ein Senior aus dem Bett fällt, müsse nicht gleich ein Gitter angebracht werden. Vielleicht reiche es, die Matratze auf den Boden zu legen.

Auch wenn Gesetze eindeutig formuliert sind, liegt das Problem "in der Trennungsschärfe, die einen Graubereich bilden kann", so Aping. Ein Experte aus der Seniorenbetreuung erklärt, was das in der Praxis bedeutet: Ein Alarmgeber, der am Körper getragen wird, sei unter Umständen zulässig, wenn er nur einen Warnton auslöst. Wenn damit das Öffnen einer Tür verhindert wird, sei das eine Zwangsmaßnahme, die grundsätzlich nicht zulässig sei.

Dr. Bettina Müller ist die Geschäftsführerin der kreiseigenen Seniorenheime im Landkreis Stade. Nicht Zwangsmaßnahmen, sondern eine intensive Betreuung seien der richtige Weg, erklärt sie. So werden demente Senioren etwa in einer Wohnküche betreut und beschäftigt. Wenn ein alter Herr oder eine alte Dame auf Wanderschaft gehen wolle, sei es wirkungsvoller ihn liebevoll auf eine Tasse Kaffee einzuladen als im Befehlston "Stopp" zu rufen. "Demente Menschen können wir auf einer emotionalen Ebene viel besser erreichen." Dafür sei das Personal entsprechend gut geschult und ausgebildet.

Eine andere Einrichtungsleiterin zieht als Fazit: Ein Seniorenheim sei eine offene Einrichtung, geschlossene Türen gehörten nicht zum Selbstverständnis. Auch bei Senioren mit Demenz gelte, dass es immer ein Restrisiko gebe, das jemand unbemerkt auf Wanderschaft gehe. "Auch in einer Pflegeeinrichtung können wir nicht jedes Lebensrisiko ausschließen." Das gelte für ältere Menschen im Heim genauso wie für jüngere, die beim Überqueren einer Straße von einem Auto angefahren werden könnten.