Bitte klicken Sie zur Auswahl auf eines der folgenden vier Logos:

"Fernsicht"-Drama nimmt seinen Lauf

Die "Fernsicht" sucht mal wieder einen neuen Pächter
bc. Grünendeich. Dieses Tischtuch scheint zerschnitten zu sein. Der Pächter der Grünendeicher Traditions-Gaststätte „Zur schönen Fernsicht“, Ilhan Cicek, und die Bürgermeisterin Inge Massow-Oltermann mögen sich nicht besonders, um es vorsichtig zu formulieren. Er fühlt sich von der Gemeinde im Stich gelassen, sie bemängelt die „unzuverlässige Qualität“ des Essens. Die Konsequenz: Ilhan Cicek zieht die Reißleine. „Ich höre Ende des Jahres auf, vielleicht schon früher. Das ist mein letztes Wort“, sagt der Gastronom aus Grünendeich auf WOCHENBLATT-Anfrage.
Das Problem: Ganz so einfach funktioniert sein Rückzug wohl nicht. Laut Auskunft der Samtgemeinde Lühe kann Cicek ohne Zustimmung der Gemeinde nicht aus dem laufenden Pachtvertrag bis 2020 aussteigen, sofern es keinen passenden Nachfolger gibt. Der scheint noch nicht gefunden zu sein.
Hintergrund: Die „Fernsicht“ gehört seit fast vier Jahrzehnten der Gemeinde Grünendeich (das WOCHENBLATT berichtete). Die vergangenen Jahre verliefen turbulent. Vorläufiger Höhepunkt des „Fernsicht“-Dramas war 2015 die Insolvenz der Pächter-GmbH, nachdem das Haus zuvor aufwendig mit einer Million Euro Steuergeld saniert worden war. Auch EU-Gelder flossen, da in dem „Fernsicht“-Gebäude der Dorfgemeinschaftstreff integriert ist - für viele Insider übrigens das eigentliche Dilemma des Gastro-Konstruktes. Der damalige Grünendeicher Bürgermeister Johann Frese musste schließlich als Geschäftsführer der überschuldeten Betriebsgesellschaft - er sprang kurzfristig ein - Insolvenz anmelden. Die GmbH, zu deren Gesellschaftern neben vielen Privatleuten auch die Gemeinde gehört, wurde im Laufe des Verfahrens liquidiert.
Im Herbst 2015 pachtete Cicek dann die „Fernsicht“. Nach seinen Angaben bezahlt er 2.500 Euro warm im Monat plus Betriebskosten. Außerdem sanierte er Teile der Küche selbst. Hinzu kommen noch die Kosten fürs Personal. Aktuell arbeiten in der „Fernsicht“ eine Festangestellte und sechs Aushilfen. Cicek steht selbst in der Küche.
„Es tut mir wirklich leid, dass ich aufgeben muss. Aber es gibt keine andere Möglichkeit“, sagt Cicek. Er hätte sich mehr finanzielles Entgegenkommen der Gemeinde gewünscht, was z.B. eine Pachtminderung angeht oder bei der Buchung von Veranstaltungen. Die Konkurrenz in der Umgebung sei zu stark, so Cicek. Es kämen zu wenig Besucher in die „Fernsicht“.
Auch wenn Bürgermeisterin Inge Massow-Oltermann noch keine Kündigung auf dem Tisch hat, kann sie sich eine weitere Zusammenarbeit mit Cicek kaum vorstellen. Cicek sei ihrer Meinung nach wenig kritikfähig, fast schon beratungsresistent. Klar sei aber: „Wir müssen die Gaststätte wieder zum Laufen bringen“, so Massow-Oltermann.
Wie berichtet, plant Ilhan Cicek unterdessen zum Jahreswechsel ein Bistro und ein Boardinghouse in Jork-Borstel zu eröffnen.