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Keine Chance ohne Abitur?

Lisa Marie Heinbokel hätte gerne eine Berufsausbildung gemacht. Trotz Einser-Zeugnis wurde sie nicht mal zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Dr. Bodo Stange (IHK, li.) und Landrat Michael Roesberg überreichten das Zertifikat
bc. Stade. Die Botschaft an den Berufs-Nachwuchs ist deutlich und wird gebetsmühlenartig von Seiten der Wirtschaft, von Arbeitsagenturen und von Berufsberatern immer wieder wiederholt: „Abitur ist nicht alles!“ Vor allem vor dem Hintergrund des tatsächlich schon vorhandenen und des prognostiziert zunehmenden Fachkräftemangels wird Schülern die betriebliche Ausbildung regelmäßig ans Herz gelegt, für die man nicht zwingend zwölf oder 13 Jahre zur Schule gehen müsste.
Dass Abitur aber doch alles sein kann, zeigt die Realität. Das WOCHENBLATT nennt ein besonders krasses Beispiel, dass viele Schüler und Eltern in ihrem Konsens bestätigt: Ohne Abi wirst du nichts!
Lisa Marie Heinbokel (16) aus Deinste ist eine Einser-Schülerin, schaffte vor wenigen Tagen mit einer Durchschnittsnote von 1,2 ihren Abschluss an der Oberschule in Fredenbeck. Erst am Dienstag heimste sie einen Preis für ihre überragenden Leistungen bei dem Projekt „Fit für MINT-Berufe“ ein, erhielt ein Zertifikat, das vom Landrat und von der Industrie- und Handelskammer (IHK) unterschrieben ist.
Schon nach Klasse 9 im vergangenen Sommer war sie sich sicher: Ich möchte Industriekauffrau werden - ein Beruf, für den üblicherweise ein Oberschulzeugnis reichen sollte. Insbesondere dann, wenn es zehn „Einsen“ aufweist.
Mit ihrem Einser-Zeugnis aus Klasse 9 bewarb sie sich bei mehreren renommierten Unternehmen in Stade und Umgebung. Fast zehn Bewerbungen schickte sie los. Das Ergebnis: Es hagelte Absagen. Sie erhielt nicht eine Einladung zu einem Einstellungstest oder einem Vorstellungsgespräch. Entmutigt gab Lisa Marie auf. Ihre Konsequenz: „Ich mache jetzt doch Abitur, obwohl das eigentlich nicht mein Plan war.“
Dr. Bodo Stange, Geschäftsführer Aus- und Weiterbildung bei der IHK Stade, reagierte entsetzt, als er vom WOCHENBLATT auf die Geschichte angesprochen wurde: „Das darf nicht passieren. Das ist richtig schön schief gelaufen.“ Zumal Lisa Marie nicht einmal zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen worden sei. Es müsse das Ziel von Unternehmen sein, solch potenziell guten Fachkräfte aus der Region frühzeitig an sich zu binden. „Diese Chance wurde hier vorerst vertan. Die Zeiten sind eigentlich vorbei, in denen man sich das als Unternehmen leisten kann.“
Ein Insider aus der regionalen Wirtschaft, der jedes Jahr mehrere Auszubildende einstellt, verrät dem WOCHENBLATT, wie es häufig in der Praxis aussieht. Sofern die Auswahl zwischen sehr guten Realschülern und mittelmäßigen Abiturienten vorhanden ist, entscheiden sich Unternehmen fast immer für den älteren, reiferen Bewerber.
Aus Sicht des Personaler irgendwie vielleicht verständlich, aber das hieße im Zweifel dann doch: Abitur ist alles!

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