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"#MeToo" ist noch nicht auf dem Land angekommen

"Kein Flirtverbot, sondern ein respektvoller Umgang ist wichtig", finden (v.li.) (Colette Schiwietz, Birgit Staggat udn Renate Bergmann (Foto: tk)
"Lichtblick"-Beraterinnen im Gespräch: Es geht um Respekt und nicht um ein Flirtverbot

tk. Buxtehude. Die "MeToo"-Debatte über sexuelle Belästigung und Missbrauch von Macht wird seit Wochen weltweit intensiv geführt. Neben Vorwürfen gegen Prominente von Hollywood-Mogul Harvey Weinstein bis hin zum deutschen Regiestar Dieter Wedel wird auf einer anderen Ebene über grundsätzliche Fragen diskutiert: Wo fängt sexuelle Belästigung an, warum melden sich Opfer von Übergriffen erst nach Jahren und warumn wird sexuelle Gewalt in einer von Männern dominierten Welt noch immer toleriert? Ist diese Diskussion auch im Landkreis Stade angekommen, klingelt jetzt häufiger das Telefon?, wollte das WOCHENBLATT von den Mitarbeiterinnen von Lichtblick, der Beratungsstelle gegen sexuelle Gewalt wissen. Klare Antwort: "Nein. 'MeToo' ist in Hollywood, aber nicht im Landkreis Stade angekommen", sagt Colette Schiwietz, Psychologin bei Lichtblick.

Es gebe keine verstärkte Nachfrage nach Beratungen, ergänzt Birgit Staggat. Erfreulich sei aber, dass durch viele publikumswirksame Runden in Talkshows das Thema sexueller Missbrauch stärker in den Fokus rücke.

Dass Missbrauch und sexuelle Übergriffe in der Provinz nicht vermehrt an die Oberfläche treten, hat nach Ansicht von Renate Bergmann mit "stärkeren sozialen Zwängen im ländlichen Raum" zu tun. Wer sich öffentlich als Opfer von sexuellen Übergriffen zu erkennen gebe, müsse befürchten, sich ins Aus zu manövrieren. Was sie ärgert: Noch immer wird Frauen und Mädchen eine Teilschuld zugeschoben, wenn sie Opfer von sexueller Gewalt werden. Warum hatte sie ein kurzes Kleid an, warum war die Frau alleine unterwegs?, zitiert Bergmann gängige Schuldzuweisungen.
In der ländlichen Berufswelt, ergänzt Colette Schiwietz, könne auch niemand so schnell den Job wie in einer Metropole wechseln, wenn ein Chef übergriffig werde. Sie geht davon aus, dass es an Frauen und Mädchen fehle, die als Vorbild den unglaublichen Mut aufbringen, öffentlich sexuellen Missbrauch anzuprangern. "Es fehlt an Vorbildern in den eigenen sozialen Gruppen."

Dass es zu sexuellen Übergriffen am Arbeitsplatz kommt, zweifeln die drei Lichtblick-Beraterinnen nicht an. Arbeitgeber müssten noch sehr viel stärker auf diesem Gebiet Verantwortung übernehmen. Renate Bergmann: "Ich bin seit 23 Jahren bei Lichtblick hatte in dieser Zeit nur drei Anfragen für Seminare für Betriebe zum Thema sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz."

Die Frage, wo sexuelle Belästigung und Übergriffe anfangen, ist für die Lichtblick-Beraterinnen einfach zu beantworten: "Dort, wo es an Respekt dem Gegenüber fehlt", sagt Birgit Staggat. Jeder Mensch müsse sich selbst hinterfragen, seinem Gegenüber zuhören und auch auf non-verbale Signale achten. Dann werde immer ersichtlich, ob jemand eine Grenze überschritten habe, so Renate Bergmann. Es gehe nicht um ein verordnetes Flirtverbot, sondern um ein respektvolles Miteinander. "Ich sollte jeden so behandeln, wie ich selbst behandelt werden will", sagt Birgit Staggat.
Mehr infos: www.awostade.de/Beratungsstelle-Lichtblick