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Nackte Männer, Salzsäure und Reisekoffer

Spaß muss sein - Michael und Frank sind nicht nur bierernst bei der Arbeit
 
Wenn der Morgen dämmert, haben Frank und Michael schon kräftig Müll weggeschafft

WOCHENBLATT-Redakteurin Alexandra Bisping war mit der Müllabfuhr in Buxtehude unterwegs / Was passiert eigentlich mit dem Abfall, nachdem er abgeholt wurde?

ab. Buxtehude Alles rund um den Müll ist eklig! Das ist nur eines der gängigen Vorurteile, die sich auf meiner Tour mit Frank Echternkamp, Michael Schäfer (beide 43) und ihrem orangefarbenen "Flitzer" in Luft auflösen. Wir starten die erste Hausmülltour von Karl Meyer um sechs Uhr morgens im Hollunderweg und - wow! - ein blitzsauberer Mülllaster steht bereit. Dagegen ist mein Familientouran das eigentliche Müllauto ...

Ganz schön hoch muss ich klettern, bis ich mich auf den "Schleudersitz" zwischen die beiden Müllwerker setzen kann. Innen alles wie geleckt und Technik vom Feinsten.

Gemütlich ist es, die Sicht toll und es schaukelt wie in einer Wiege. Draußen heimelige Dunkelheit, alles gute Voraussetzungen, um wieder einzuschlafen. Aber dazu ist es zu spannend: Während Frank das Riesenschiff lenkt und nur dann aussteigt, wenn es um 1.100-Liter-Vierradcontainer oder besonders viele kleine Tonnen geht, bleibt Michael meistens draußen und rollert die Behälter zur Schüttung, in die alles eingehakt wird und nach oben fährt. Zwei Runden drehen die beiden heute und auf der zweiten wird Michael fahren und Frank aussteigen. Auf manchen Touren wird auch im Stunden-Takt gewechselt, vor allem im Winter.

"Am meisten Angst haben wir bei Radfahrern", sagt Frank, und wer einmal oben im Mülllaster gesessen hat, wird ihn nie wieder eng umkurven. Dabei sind die schon mit zahlreichen Spiegeln ausgestattet, einen gibt es jetzt sogar, um direkt vor das Auto sehen zu können. Überhaupt ist es mit der Gefahr so eine Sache, denn ein Müllwerker lebt erstaunlich gefährlich - da nützt auch häufig keine Schutzkleidung. "Neulich hat mich fast einer überfahren", berichtet Frank. "Ich wollte die Tonne nach rechts zurückstellen und der hat einfach überholt, war ganz schön knapp."
Der Ärger der Müllwerker reicht von den schlecht geparkten Autos, an denen der Laster kaum bis gar nicht vorbeikommt, bis hin zum einfachen Unbehagen, was Menschen so wegschmeißen. "Alles landet im Müll, das kann für uns gefährlich werden", erzählt Michael. Frank fügt hinzu, dass auch mal ein Kanister mit Säure entsorgt wurde, die dem Kollegen hinter dem LKW ins Gesicht gespritzt ist. Ein anderer Fall war das Karbid, das Franks Kollege als dicke Staubwolke aus der Presse entgegenflog: "Der ist umgefallen und musste ins Krankenhaus. Ich dachte, der erstickt."

Auch das weggeworfene Bügeleisen, auf die übervolle Tonne gequetscht, kann lebensgefährlich werden, wenn es von oben runterfällt. Sowieso, die "Schütte" sollte respektvoll behandelt werden. Offene Jacken - ein Tabu. So ist schon mal ein Kollege darin hängengeblieben und mitgezogen worden.

Frank berichtet, dass es einmal pro Jahr ein Sicherheitstraining gibt, und das sei auch gut so. Es sensibilisiere und rufe alle wichtigen Dinge wieder ins Gedächtnis.
Doch manchmal wird es für die Müllwerker auch ziemlich komisch, zum Beispiel dann, wenn ein Mann den Mülltermin verschlafen hat und ihnen im Winter hinterherrennt - nur in Unterhose. Leider hatte er vergessen, den Schlüssel mitzunehmen, was bei der ins Schloss gefallenen Tür ziemlich ungünstig war. "Der hat sich zwei dicke Sicherheitsjacken angezogen und dann haben wir so lange gehupt, bis seine Frau aufgewacht ist."

Skurril auch die Story mit dem Sperrmüll, neben den eine Familie in Eile kurz vor der Reise ihre gepackten Koffer gestellt hat, mit Tickets und allem Drum und Dran. Die sind in der Presse gelandet, zum Glück aber nicht zerdrückt worden. Statt in den Urlaub ging es für die Familie erst mal nach Wischhafen. Dort wurde der LKW entleert, die Familie durfte sich ihre Koffer zurückholen.

Frank und Michael mögen ihren Job, sie kommen beide "vom Bau, wie viele andere Kollegen auch", doch inzwischen gibt es Nachwuchsprobleme. Müllwerker ist ein Knochenjob, abends weiß man, was man gemacht hat. Zudem braucht ein Interessent den Führerschein Klasse 2 - und der kostet, privat gemacht, locker zwischen fünf- und neuntausend Euro. Dabei lässt sich dieser Job sehr gut mit einer Familie vereinen, finden Frank und Michael, die beide Kinder haben: früh anfangen und am Nachmittag für die Familie dasein. Gerade bei Meyer wird auf Qualität geachtet, sagt Frank, und die Arbeitsbedingungen werden immer wieder neu überdacht und nach Möglichkeit verbessert.

Die erste Tour ist fast vorbei und der Wagen voll, ca. 700 Mülltonnen passen rein. Dann geht es ab zur MVR, der Müllverwertungsanlage Rugenberger Damm in Hamburg. Einmal wiegen bei der Einfahrt, einmal bei der Ausfahrt, macht 11,8 Tonnen Müll. Plus eine Untersuchung auf Radioaktivität und sollte das Gerät etwas anzeigen, wird es ungemütlich. Einmal sei ihm das passiert, berichtet Frank, eine Klinik habe da etwas Radioaktives weggeschmissen. Der Wagen musste stehen bleiben und Frank von Kollegen abgeholt werden. Heute ist alles in Ordnung.
Michael und Frank möchten ihren Job bis zum Rentenalter durchhalten, ob sie das rein körperlich schaffen, kann keiner vorhersagen. Doch wenn das zu ihren größten Wünschen gehört, kann der Job als Müllwerker so schlecht nicht sein.
Ab heute sehe ich Müll mit anderen Augen und ich habe gelernt, dass wir den netten Müllwerkern durch ordentliche Mülltrennung und richtiges Parken das Arbeitsleben sehr erleichtern können.

• 4.800 Tonnen Hausmüll gibt es in Buxtehude und dazugehörigen Ortschaften jährlich. Hinzu kommen 2.500 Tonnen Bioabfall, 220 Tonnen Gelbe Säcke sowie 2.500 Tonnen Papier. Nicht zu vergessen die 50 Tonnen Weihnachtsbäume im Januar. Sperrmüll und Hausmüll werden verbrannt und dem Energiekreislauf durch Wärmegewinnung wieder zugeführt. Gelber Müll wird recycelt und nicht, wie landläufig oft angenommen, wieder mit dem Hausmüll zusammengekippt.