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"Nicht alle Kliniken sind erhaltenswert"

Jörg Niemann, Leiter des Verbandes der Ersatzkassen in Niedersachsen (Foto: Martin Hutchinson)
bc. Stade. Um die regionale Krankenhaus-Versorgung ging es am Mittwoch beim Neujahrsempfang der Kassenärztlichen Vereinigung und der Ärztekammer in Stade. Jörg Niemann, Leiter des Verbandes der Ersatzkassen in Niedersachsen, machte in seinem Vortrag deutlich, dass zwar um jeden Krankenhaus-Standort gekämpft werde, nicht jeder Standort aber um jeden Preis erhalten werden dürfe: „Kliniken, die dauerhaft Verluste machen, sind nicht erhaltenswert.“ Krankenhäuser mit nur 80 Betten können nicht wirtschaftlich betrieben werden, so Niemann.
Das Problem sei, dass so kleine Krankenhäuser trotzdem die komplette medizinische Angebotspalette vorrätig haben müssten. Es sei nicht wirtschaftlich, wenn eine Chirurgie in einer Woche nur zehn Operationen durchführe, sagte Niemann. Zudem seien die Patienten sehr genau informiert. Viele seien bereit, in weiter entfernte Kliniken zu fahren, wo Ärzte mehr Erfahrung mit speziellen Behandlungen hätten.
Der stationäre Sektor in Deutschland sei extrem groß, so Niemann: Es gebe 1.980 Krankenhäuser mit 500.000 Betten, 6,2 Betten pro 1.000 Einwohner. Niemann: „Das sind 58 Prozent mehr Betten als der Durchschnitt der 15 größten EU-Länder.“ Bei einer zentralisierten Struktur wie in Dänemark würde Deutschland nur über 330 Kliniken verfügen.
In einer anschließenden Podiumsdiskussion ging es konkret um das Krankenhaus Zeven, an dem die Elbe Kliniken mit 51 Prozent beteiligt sind und das von der Schließung bedroht ist, da die Patientenzahlen sinken. „Die Entscheidung, ob das Krankenhaus geschlossen wird, trifft einzig und alleine der Landkreis Rotenburg“, stellte Elbe Kliniken-Geschäftsführer Siegfried Ristau klar.
Mark Barjenbruch, Vorstand der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN), bemerkte, dass eine mögliche Klinikschließung in Zeven nicht von heute auf morgen kompensiert werden könne. Das Dilemma sei, dass die formale ärztliche Versorgung auf dem Papier trotzdem gesichert sei, freie Stellen gebe es nicht. Die Ärzte in der ambulanten Versorgung könnten so einen Wegfall nicht allein ersetzen.
Trotz aller Probleme sei derzeit der medizinische Versorgungsgrad in der Fläche noch gut, sagte Dr. Stephan Brune, Bezirks-
ausschuss-Vorsitzender der KVN. Das läge aber auch daran, dass viele Allgemeinmediziner auf dem Land weiterarbeiten würden, obwohl sie sich längst zur Ruhe setzen wollten, hätten sie einen Nachfolger gefunden: „In drei bis fünf Jahren werden die Probleme noch größer sein.“ Viele Ärzte, die im ambulanten Bereich tätig sein könnten, seien im Krankenhaus gebunden. Brune: „Wir haben in der Region drei bis vier Krankenhäuser zu viel.“
Barjenbruch rechnet damit, dass bis 2030 weitere 1.000 Fachärzte für Allgemeinmedizin in Niedersachsen gebraucht werden. Er stellte angesichts des aktuellen Wettkampfes unter Kommunen um Landärzte aber auch fest: „Es gibt kein Patentrezept, um Ärzte aufs Land zu locken.“