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Sind Schiedsrichter Freiwild?

Die Pöbeleien gegenüber Schiedsrichtern nehmen zu - nicht nur gefühlt. Anfang der Saison stiegen im Landkreis Stade die Platzverweise aufgrund von Beleidigungen (Foto: oh)
(bc). Fußball, für viele Menschen die schönste Nebensache der Welt, ist nicht immer nur schön. Es geschah vor drei Wochen im Kreisliga-Kick Güldenstern Stade II gegen die Zweite des FC Oste/Oldendorf: Ein Stader Spieler rempelte eine Schiedsrichter-Assistentin an, bepöbelte sie. Jetzt wurde der Übeltäter für acht Spiele auf Eis gelegt. Einzelfall oder Alltag? Nehmen die körperlichen und verbalen Attacken in den Niederungen des Fußballs zu? Dort, wo keine Kameras jeden Winkel ausleuchten. Das WOCHENBLATT auf Spurensuche.

Gewalt im Amateurfußball ist offensichtlich ein Thema, über das die Fußball-Oberen in den Landkreisen Stade und Harburg nicht gerne sprechen. So sagt zum Beispiel Paul-Reinhard Schmidt, Vorsitzender des Kreis-Fußballverbandes Stade: "Bei uns herrscht heile Welt. Mit dem Thema beschäftigen wir uns nicht." Wirklich?

Schiedsrichter Wolfgang Diekmann (63) aus Kakerbeck, als Assistent immer noch an der Seitenlinie aktiv, berichtet von teilweise schlimmen Ausfällen junger Kicker. Sprüche von der Qualität "F... dein Mudda" seien schon mal an der Seitenlinie zu vernehmen. "Ganz schlimm", konstatiert Diekmann.

Stephan Wetzel, Vorsitzender des Kreisschiedsrichter-Ausschusses und seit 26 Jahren Unparteiischer, erzählt Ähnliches: "Einigen Fußballern scheint heutzutage der Respekt zu fehlen." Anfang der Saison sei die Zahl der Platzverweise, die aufgrund von Beleidigungen und Unsportlichkeiten ausgesprochen wurden, im Vergleich zu den vergangenen Spielzeiten stark angestiegen. "Im Jugendbereich hört man manchmal Drohungen wie z.B.: 'Wir treffen uns später'", so Wetzel. Die Hemmschwelle gegenüber Erwachsenen sei gesunken. Aber nicht nur gegenüber Erwachsenen: "Bei einem U15-Spiel ist vor Kurzem ein junger Schiedsrichter in seinem eigenen Verein bedroht worden", erzählt Wetzel. Vorfälle, die den erfahrenen Referee fassungslos machen.

Wetzel liegt es aber fern, die Situation zu dramatisieren. Handgreiflichkeiten seien die absolute Ausnahme. An eine Massenkeilerei, in die auch Zuschauer involviert gewesen seien, könne er sich überhaupt nicht erinnern. "Vergleicht man die Situation im Landkreis Stade mit der in Hamburg, leben wir immer noch auf einer Insel der Glückseligen", so Wetzel.

Ähnlich die Situation im Landkreis Harburg: Körperliche Gewaltattacken seien nicht an der Tagesordnung. In dieser Saison stieß bislang ein Kreisklassen-Kicker einem Schiedsrichter vor die Brust. Spielausschussvorsitzender Helge Schreiber sperrte den Sünder. "Ein Schiedsrichter hat immer die Möglichkeit, sofort ein Spiel abzubrechen, wenn er tätlich angegriffen wird", betont Schreiber. Er stellt aber insgesamt auch eine Zunahme der Pöbeleien auf dem Platz fest: "Nicht nur gegen den Schiri, auch untereinander."

Wirft man einen Blick über die Landkreisgrenzen hinaus, haben andere Regionen wesentlich größere Probleme mit Gewalteskalationen. Exemplarisch die Situation im Fußballkreis Rhein-Erft (Mittelrhein): In der laufenden Spielzeit mussten schon zwei Spiele abgebrochen werden. In beiden Fällen kam es laut Angaben der zuständigen Spruchkammer zu Übergriffen auf den Schiedsrichter. In einem der beiden Fälle habe ein Vereinsvorsitzender den Schiedsrichter in der Pause angegangen.

Fakt ist: Die Zunahme von Respektlosigkeiten gegenüber Autoritätspersonen ist ein gesellschaftliches Problem. Egal, ob Schüler versus Lehrer, Kinder gegenüber Eltern oder eben Fußballer gegenüber Schiedsrichtern: Die Fußballverbände im Landkreis Stade und Harburg tun gut daran, das Problem ernst zu nehmen.