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Zahl der Rettungsdiensteinsätze steigt: "Ein Schnupfen ist kein Notfall"

Der Rettungsdienst rückt nicht nur bei Unfällen aus. Immer häufiger sind Einsätze keine tatsächlichen Notfälle (Foto: Polizei/archiv/DRK)
 
Uwe Lütjen
tk. Landkreis. Die Einsatzzahlen der Rettungsdienste in Niedersachsen steigen an. Folge: "Die Kosten für den Rettungsdienst explodieren", sagt Roger Grewe, Geschäftsführer des DRK-Kreisverbands Harburg. Experten gehen von einem Anstieg jährlich von fünf bis sechs Prozent der Einsätze aus. Genaue Zahlen gibt es nicht, denn sie werden in Niedersachsen bislang nicht zentral erfasst.
Wie das Problem in den Griff zu bekommen ist, steht in den Sternen. Denn: Einer der Gründe für den Anruf bei den Rettungsleitstellen ist häufig die lange Wartezeit auf einen Facharzttermin. Viele Menschen würden die 112 wählen, um auf diesem Weg zum Spezialisten in die Klinik zu kommen. "Der sicherste Weg ins Krankenhaus ist der Rettungswagen", sagt Grewe.

Rettungsdienstexperten aus ganz Niedersachsen haben in Goslar am Dienstag und Mittwoch auf einer DRK-Fachtagung dieses Problem diskutiert. Uwe Lütjen, stellvertretender DRK-Geschäftsführer im Landkreis Stade: "Wir müssen uns Gedanken machen." Sein Winsener Kollege Grewe ergänzt: "Eine Patentlösung hat aber keiner." DRK-Kreisverbände und Rettungsleitstellen können nicht die Probleme der langen Facharzt-Wartezeiten im deutschen Gesundheitswesen heilen. Hinzu kommt, dass viele Menschen nicht den Bereitschaftsdienst der Kassenärztlichen Vereinigung kennen. Statt abends und am Wochenende die bundesweit einheitliche Nummer 116117 anzurufen, melden sich diese Kranken in den Rettungsleitstellen. "Mit Bauchweh oder Schnupfen sollte das nicht sein", sagt Grewe.

Eine Möglichkeit zur Problemlösung wäre eine sogenannte strukturierte Abfrage durch den Disponenten in der Leitstelle, der am Ende entscheidet, ob er einen Rettungswagen losschickt oder den Gang zum Hausarzt empfiehlt. "Aus der Ferne am Telefon ist das schwierig", sagt Grewe, der Probleme bei der Rechtssicherheit befürchtet. Uwe Lütjen stimmt zu. Rechtssicherheit und neue Strukturen müssten sein, etwa durch eine Neuordnung beim Notfalldienst der KV. Eine schnelle Lösung werde es aber nicht geben. "Da kommt noch viel Arbeit auf uns zu", sagt Lütjen.

Doch nicht nur Probleme standen on Goslar im Fokus: "Bei der Aus- und Weiterbildung zum Notfallsanitäter sind wir in Niedersachsen weit vorne", sagen Grewe und Lütjen. 2014 wurde deutschlandweit ein Gesetz eingeführt, dass aus Rettungs- Notfallsanitäter mit einer breiteren Ausbildung und erweiterten Kompetenzen macht. Von den 3.500 Notfallsanitätern, die Niedersachsen bis zum Jahr 2020 brauche, seien bereits 2.100 fertig ausgebildet worden. Erfreulich sei, dass die Kostenträger, also die Krankenkassen, die höheren Ausbildungskosten bezahlen.
Grewe bezeichnet auch den technischen Fortschritt als großes Plus für die bessere Ausbildung. Beispiel: "Früher lagen die Reanimationspuppen einfach nur da, jetzt können die sogar schwitzen", so Grewe. Allerdings würde mehr Technik auch mehr Geld kosten. "Und alles wollen die Kassen nicht übernehmen", sagt Roger Grewe.
Erfreulich für die Rettungsdienste in beiden Landkreisen: Gewalt gegenüber den Rettern, derzeit ein großes Thema in Deutschland, komme zwar hin und wieder vor, doch Lütjen und Grewe sprechen übereinstimmend von "Einzelfällen".