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Integrationsdebatte ist neu entbrannt

Praktiker aus der Bildungsarbeit wünschen sich weniger Bürokratie bei den Anträgen für Sprachförderstunden (Foto: Fotolia/DOCRABEMedia)
(bc). Stehen Schulen vor dem Kollaps? Wie kann Unterricht sinnvoll gestaltet werden, wenn große Teile der Schüler kein oder kaum Deutsch sprechen? Im Landkreis Stade ist die Integrationsdebatte neu entbrannt. Auslöser waren eindringliche Berichte Stader Rektorinnen und Kita-Leiterinnen, die ihren schwierigen Alltag auf Wunsch der CDU im Rat öffentlich skizzierten. Tenor: Es gibt massive Kommunikationsprobleme in vielerlei Hinsicht - mit Schülern und Eltern.

Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten: „Die schonungslosen Berichte haben deutlich gemacht, wie dramatisch die Situation in einigen Stader Kindertagesstätten und Schulen im Hinblick auf die Kinder ohne Deutschkenntnisse ist“, schreibt die Stader CDU-Fraktionsvorsitzende Kristina Kilian-Klinge.

Was ist so dramatisch? Vor allem die immense Anzahl von Kindern und Jugendlichen mit mangelnden Sprachkenntnissen scheint die Schulen zu überfordern. Zwei Beispiele: An der Montessori-Grundschule im Altländer Viertel in Stade haben von 191 Schülern 176 einen Sprachförderbedarf. An der Hauptschule Thuner Straße in Stade sollen nur 39 Prozent der Schüler deutsche Muttersprachler sein.

Die Lage an den Grundschulen schilderte Cordula Wuttke, Leiterin der Burggrabenschule in Stade: „Insbesondere die hohe Fluktuation stellt die Schulen vor große Herausforderungen. Regelmäßig stehen neue Kinder vor der Tür.“ An ihrer Schule seien es seit Sommer 15 neue Kinder gewesen, die kein Deutsch sprechen. „Und das ist im Vergleich zur Montessori-Schule wenig“, so Wuttke.

Landrat Michael Roesberg hat sich bereits zu Wort gemeldet: „Die Diskussion zeigt: Integration kann man nicht verordnen. Die von Bundes- und Landespolitik beschworene gesamtgesellschaftliche Aufgabe steht zwei Jahre nach der Flüchtlingskrise erst am Anfang.“ Es sind aber nicht nur die Flüchtlinge, die integriert werden müssen. Auch der wachsende Zuzug von EU-Ausländern - vor allem aus Osteuropa - scheint eine immer größer werdende Aufgabe zu sein (siehe Artikel unten).

Offensichtlich gibt es weitreichende strukturelle Probleme, wenn es um die Integration ausländischer Kinder ins deutsche Kita- und Schulsystem geht. Augenscheinlich sind es zu viele Kinder mit schlechten Sprachkenntnissen, um sie vernünftig und altersgerecht einzubinden. In Bezug auf die Situation an den Schulen reichen anscheinend die Stunden nicht aus, die die Landesschulbehörde zur Verfügung stellen kann, um ausreichend Sprachförderunterricht anzubieten.

Der Fokus liegt dabei in Stade vor allem auf der Montessori-Grundschule im Altländer Viertel und der Hauptschule Thuner Straße. Schule könne nicht funktionieren, wenn ein großer Teil der Schüler kein Deutsch spreche, so der Tenor der Schilderungen. Andere Kinder kämen zu kurz. Die Integration drohe zu scheitern. Schulen müssten Familien immer öfter bei organisatorischen Angelegenheiten helfen, Sekretärinnen müssten Sprachförderanträge oder andere Formulare des alltäglichen Lebens ausfüllen.

Stades Bürgermeisterin Silvia Nieber zeigte sich überrascht von den Ausmaßen der Schilderungen im Integrationsausschuss des Stadtrates: „Es gab genügend Kontaktmöglichkeiten davor, bei denen man mir die Situation hätte schildern können.“ Die Stadt könne nur bei der sogenannten sächlichen Ausstattung helfen. Sie will in dem Zuge mehr Verwaltungspersonal zur Verfügung stellen, um die Schulen bei dem großen Organisationsaufwand zu unterstützen. Dazu soll auch das Dolmetscher-Angebot verbessert werden.

An anderen Schulen im Landkreis läuft es ein wenig anders.

An der Oberschule Steinkirchen gibt es derzeit 20 Schüler mit schlechten Deutsch-Kenntnissen, das sind immerhin zehn Prozent der Schülerschaft, berichtet Schulleiterin Ursel Schirmer. In Steinkirchen setzt man aber nicht auf Sprachlernklassen, sondern integriert die betroffenen Kinder in den normalen Unterricht. „Unserer Auffassung nach profitieren beide Seiten von dieser Durchmischung und lernen viel voneinander“, sagt Schirmer. Die Schüler mit den schlechten Deutsch-Kenntnissen haben täglich - zusätzlich zum normalen Unterricht - einen extra Block Deutschunterricht.

Eine Herausforderung sei, dass der Unterricht nun sehr differenziert gestaltet werden müsse. Das bedeute eine große zusätzlich Belastung für die Lehrkräfte, so Schirmer. Positiv sei, dass die Schule - insbesondere bei den Elterngesprächen - durch den Arbeitskreis Asyl der Samtgemeinde Lühe unterstützt werde.

In Buxtehude sorgt vor allem die Zusammenarbeit der einzelnen Grundschulen mit der freiwilligen Offene Ganztagsschule (OGS) für Hilfe bei der Integration. Die Stadt wird 2017 1,7 Millionen Euro für qualifiziertes Personal an der OGS ausgeben. 833 Kinder (57 Prozent aller Grundschüler) nehmen das Angebot in Anspruch. Heike Welle, Leiterin der Rotkäppchen-Grundschule, betont, dass die Stadt seit vielen Jahren intensive Integrationsarbeit betreibe. „Dadurch sind wir sehr gut vorbereitet gewesen.“ Ein nicht zu unterschätzender Anteil nimmt dabei ehrenamtliche Arbeit bei der Problemlösung ein. So sind es zum Beispiel die „Stadtteileltern“, ein multikultureller Treffpunkt für Frauen, die praktische Hilfe leisten. Sie dolmetschen, sind bei Elternabenden dabei und haben für Eltern, die kein Deutsch sprechen, Fotos wichtiger Schulutensilien in den jeweiligen Muttersprachen betextet. Zudem leiste die Stadt dort Hilfe, wo sie gebraucht werde. Indem etwa eine Schulpsychologin an der Rotkäppchenschule eingesetzt werde.

Was sich Praktiker aus der Bildungsarbeit grundsätzlich wünschen: weniger Bürokratie. So klagen viele über hohen Aufwand, etwa Sprachförderstunden zu beantragen. Es seien zu viele, zu lange Anträge zu formulieren. Und: Viele Lehrerinnen und Lehrer wünschen sich mehr Personal in den Klassen. Eine Zweitkraft müsste die Regel und nicht die Ausnahme sein.


Verstärkter Zuzug aus EU-Ländern

Die Integrationsdebatte ist nicht nur im Rahmen der Flüchtlingszuwanderung zu führen. Auch der Zuzug aus EU-Ländern hat im Zuge des Freizügigkeitsgesetzes stark zugenommen. Im September 2016 lebten 7.206 EU-Ausländer im Landkreis Stade, im September 2017 sind es schon 8.044, davon 6.542, die unter Bezugnahme auf das seit 2005 existierende Freizügigkeitsgesetz von Unionsbürgern hier leben. Das sind Arbeitnehmer aus EU-Ländern, die noch nicht durchgängig fünf Jahre in Deutschland gearbeitet haben, und deren Angehörige. Nach fünf Jahren in einem sozialversicherungspflichtigen Job (dazu gehören auch Minijobs) können sie ein Daueraufenthaltsrecht in Deutschland erwirken. Zum Hintergrund: Bürger aus EU-Ländern haben bis zu sechs Monate Zeit, sich Arbeit in Deutschland zu suchen, darüber hinaus nur, solange sie nachweisen können, dass sie weiterhin suchen und begründete Aussicht haben, eingestellt zu werden.
Insgesamt lebten im Landkreis Stade im Oktober 17.171 Ausländer, die meisten kommen aus Polen (3.491), gefolgt von Syrien (2.061), Türkei (1.790), Rumänien (1.055), Afghanistan (740) und Bulgarien (666). Zur Veranschaulichung: Im Januar 2017 lebten 605 Menschen aus Bulgarien im Landkreis. Im Vergleich zum gegenwärtigen Zeitpunkt ein Anstieg von zehn Prozent. In der Stadt Stade leben derzeit 370 Bulgaren.
Ähnlich sieht die Entwicklung bei Bürgern aus Polen aus. Im Januar lebten 3.142 Menschen aus Polen im Landkreis, im Oktober sind es 3.491. Bei Rumänen sind es im Januar 849 Menschen gewesen, im Oktober 1.055. Nicole Streitz, Ordnungsdezernentin in der Landkreis-Verwaltung, dazu: „Fakt ist, dass in diesem Jahr bislang dreimal so viele EU-Bürger zu uns gekommen sind wie zugewiesene Asylbewerber.“ Auch das sei eine Riesen-Herausforderung für die Gesellschaft. Der Landkreis Stade fördere als freiwillige Leistung den Spracherwerb an Schulen im laufenden Jahr mit 300.000 Euro. „Davon profitieren aktuell 500 Schüler“, so Streitz. Seit 2011 hat der Landkreis 1,5 Mio. Euro für die Sprachförderung an Schulen ausgegeben.


CDU fordert Sprachmittlerpool

Im Zuge der Debatte hat die CDU-Fraktion in Stade als erstes reagiert und einen Antrag gestellt, der unter anderem vorsieht, einen Sprachmittlerpool zu schaffen, der den Mitarbeitern der Kindertagesstätten und der Schulen in städtischer Trägerschaft für persönliche Gespräche mit den Eltern von Kindern mit Migrationshintergrund zur Verfügung steht. „Die von der Bürgermeisterin angekündigten Video-Lizenzen für das Dolmetschen per Bildschirm begrüßen wir, erachten es jedoch als nicht ausreichend genug. Viele Situationen erfordern die Anwesenheit eines Dolmetschers im Raum“, so CDU-Fraktionschefin Kristina Kilian-Klinge.
Die SPD mahnt unterdessen zur Ruhe. „Jetzt ist es notwendig, kühlen Kopf zu bewahren und sich nicht in Schuldzuweisungen zu verlieren“, sagt SPD-Fraktionsvorsitzender Kai Holm. Die SPD will in einem Fragenkatalog vor allem wissen, ob die Probleme an den Schulen der Verwaltung auch schon vor den Berichten im Ausschuss bekannt waren. Holm: „Um sinnvoll koordinierte Maßnahmen einzuleiten, müssen jetzt alle Beteiligten - Verwaltung, Politik, Schulen, Kitas - an einen Tisch.“

Das sagt die Niedersächsische Landesschulbehörde

(bc). Auf WOCHENBLATT-Anfrage bestätigt die Niedersächsische Landesschulbehörde, dass die Montessori-Grundschule im Altländer Viertel in Stade derzeit über 176 Schülerinnen und Schüler mit Sprachförderbedarf verfügt, an der Hauptschule Thuner Straße sind es 76.
Die Pressestelle der Behörde weist explizit darauf hin, dass ein „Sprachförderbedarf weder mit einer nichtdeutschen Herkunft noch mit Schülerinnen und Schüler ohne jegliche Sprachkenntnisse“ gleichzusetzen sei. „Sprachförderbedarf bedeutet auch nicht, dass ein Kind gar kein Deutsch spricht“, stellt Behördensprecherin Bianca Schöneich klar.
„Wir wissen, dass neben der Sprachförderung die Schulen enorme Herausforderungen hinsichtlich der Begleitung der Integration der Kinder und ihrer Familien zu meistern haben. Elterngespräche gestalten sich oftmals aufgrund von Sprachbarrieren als schwierig. Kinder mit Fluchterfahrung bedürfen besonderer Zuwendung“, so Schöneich.
Die Landesschulbehörde habe die erwähnten Schulen in Stade bereits in der Vergangenheit beraten und unterstützt und werde sie selbstverständlich auch weiterhin eng begleiten. „Sprachfördermaßnahmen und die Unterstützung mit Stunden zur Sprachförderung stimmen wir mit den Schulen ab“, so Schöneich. Eine Sprachbildungskoordinatorin unterstütze die Schulen vor Ort in der konzeptionellen Arbeit, bei der Vernetzung untereinander und bei der Fortbildung von Lehrkräften. „Bei Bedarf bekommen die Schulen Unterstützung durch unsere Schulpsychologie, z.B. beim Umgang mit traumatisierten Schülerinnen und Schülern, durch die Schulentwicklungsberatung oder die Fachberatung für Unterrichtsqualität“, sagt Schöneich.
Zur Unterstützung der Arbeit der Schulen im Zusammenhang mit der Beschulung neu zugewanderter Schüler wurde auf Initiative der Landesschulbehörde ein Runder Tisch für die Sek-I-Schulen und die Grundschulen eingerichtet. „Hierbei geht es um die Steuerung der Aufnahme der Schüler und weitere Unterstützungsmaßnahmen“, so Schöneich. Noch in dieser Woche ist zudem ein gemeinsames Treffen von Vertretern der Stadt, Polizei und Niedersächsischer Landesschulbehörde zur Beratung gemeinsamer Maßnahmen und präventiver Arbeit geplant.
Darüber hinaus sind zum 1. Februar 2018 an der Hauptschule Thuner Straße drei Planstellen für Lehrkräfte ausgeschrieben. Zudem wurde nach Auskunft der Schulbehörde eine zweite Stelle für schulische Sozialarbeit bereitgestellt, ebenso für die Montessori-Grundschule.