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Interview mit Landrat Roesberg zur Behördensprache: "Fachchinesisch ist immer noch verbreitet"

Landrat Micheal Roesberg: "Verständliche Sprache in Verwaltungsvorlagen setzt einen Perspektivwechsel voraus" (Foto: archiv)
Landrat Michael Roesberg über (un)verständliche Behördentexte

tk. Stade. Neue Kreistagsmitglieder dürften dafür einen Dolmetscher benötigen:"Die Neuberechnung der Abfallgebühren erfolgt zum einen auf der Grundlage der Nachkalkulation für das Jahr 2014 sowie weiterer Vorjahre und zum anderen anhand der erwarteten Aufwendungen für das Jahr 2017. Die Aufwendungen der Abfallbewirtschaftung werden dabei unter Einbeziehung der Über- und Unterdeckungen aus dem Jahr 2014 sowie weiteren Vorjahren den einzelnen Kostenträgern bzw. Leistungsbereichen zugeordnet." Das steht in einer aktuellen Vorlage des Landkreises. Es geht um die Abfallgebühren. So schwer verständlich wie diese Vorlage ist, so ungenießbar sind viele Papiere, die in den Verwaltungen der Städte und Gemeinden erstellt werden. Geht das nicht einfacher? Muss ein Behördensprech sosein, wollte das WOCHENBLATT von Landrat Michael Roesberg wissen.
WOCHENBLATT: Warum sind (viele) Verwaltungsvorlagen in einem Deutsch verfasst, das - freundlich formuliert - bürokratisch und damit schwer verständlich ist?
Michael Roesberg: Tatsächlich ist Fachchinesisch in der Behördensprache immer noch verbreitet. Das mag daran liegen, dass die Texte der Verwaltung oft auf Gesetze oder Gutachten zu sehr speziellen Themen Bezug nehmen. Bei den so genannten Vorlagen der Verwaltung handelt es sich um Fachinformationen, die unseren Politikern in Fachausschüssen und Kreistag als Grundlage für konkrete Entscheidungen dienen. Diese Entscheidungen haben in der Regel Auswirkungen auf viele Menschen, kosten möglicherweise viel Steuergeld und müssen im Streitfall vor Gericht Bestand haben. Exakte, manchmal auch sperrige Fachbegriffe sind da nicht immer zu vermeiden. Verbindlichkeit und Verständlichkeit müssen sich die Waage halten. Allgemein verständliche Texte ohne Fachchinesisch über Aktuelles aus dem Kreishaus sind auf unserer Internetseite zu finden – oder in der Zeitung.
WOCHENBLATT: Wäre es möglich, grundsätzlich auf die Verständlichkeit von Verwaltungsvorlagen zu achten beziehungsweise gibt es in der Kreisverwaltung jemanden, der darauf achtet?
Michael Roesberg: Wir arbeiten daran, dass verständlicher formuliert wird. Aber es macht keinen Sinn, einen „Zensor“ einzusetzen, der Tausende Seiten auf Verständlichkeit prüft. Der Landkreis Stade setzt vielmehr auf Schulungen seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Wir bieten zum Beispiel gerade jetzt im Januar ein Inhouse-Seminar zum Thema „Bürgerfreundlich texten“ an. Da wird Verwaltungssprache auf den Prüfstand gestellt und serviceorientierte Kommunikation vermittelt.
WOCHENBLATT: Der ehemalige Harburger Landrat Axel Gedaschko hatte in seiner Kreisverwaltung eine Initiative zur verständlichen Behördensprache gestartet. Wäre das für den Landkreis Stade auch denkbar?
Michael Roesberg: Von einer Stilfibel nach dem Motto „Flotter schreiben fürs Amt“, wie sie seinerzeit Gedaschkos Mitstreiter Peter Berger verfasste, halte ich nichts. Kommunikation in und aus der Behörde bedeutet nicht nur verständlich zu schreiben, sondern setzt einen Perspektivwechsel gegenüber den Bürgerinnen und Bürgern voraus. Das muss trainiert werden.