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Sprachförderung in Kitas verlagert: "Früher galten wir dafür als zu doof"

Spätestens zu Beginn ihrer Schulzeit sollen Kindergartenkinder richtig sprechen können. Die eventuell notwendige Förderung wurde jetzt von den Grundschulen in die Kitas verlegt Foto: archiv
Trotz Fachkräftemangels: Sprachförderung wird per Gesetz von der Grundschule in Kitas verlagert

tk. Landkreis. "Wir haben schon Probleme, die erforderlichen Fachkräfte für den Regelbetrieb in den Kindergärten zu finden. Zusätzliche Fachkräfte für Sprachförderung einzustellen, wird sehr schwierig", sagt Sophie Fredenhagen, die in Buxtehude den Fachbereich Schulen, Familien und Soziales leitet. Sie beschreibt damit ein Problem, mit dem alle Kita-Träger in Niedersachsen aktuell konfrontiert sind. Die schwarz-rote Landesregierung hat die Sprachförderung per Gesetzesänderung von der Schule in den Kindergarten verlagert. Jährlich wird das Land dafür 32,5 Millionen Euro den Kitaträgern zur Verfügung stellen. Das Geld steht ab Beginn des neuen Kindergartenjahres, also ab August, zur Verfügung. "Das Geld ist da, das Personal fehlt", sagt Fredenhagen.

Niedersachsens Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) will "Sprachförderung alltagsintegriert in den Kindertageseinrichtungen durchführen." Das sei auch "ein Signal der Anerkennung der guten Arbeit der Kitas und des Vertrauens in die Kompetenzen des Fachpersonals", so der SPD-Politiker. Er betont, dass sich die Kitas und ihre Träger "keine Sorgen machen müssen - wir erfinden keine neuen Aufgaben." Ministeriumssprecher Sebastian Schumacher ergänzt, dass 85 Prozent der Fördermittel in zusätzliches Personal und die restlichen 15 Prozent in Fachberatung und Qualifizierung fließen sollen.
Nebeneffekt des Wegfalls der Sprachförderung in den Schulen: An den Grundschulen werden nach Berechnungen aus Hannover dadurch 14.000 Unterrichtsstunden freigesetzt. Das entspricht 500 Lehrerstellen.

Konkrete Durchführungsbestimmungen, wie etwa die notwendige Qualifikationen des Kitapersonals für die Sprachförderung, fehlen noch und werden gerade erarbeitet. Sprecher Schumann: "Die Trägerverbände werden in einem separaten Anhörungsverfahren um Stellungnahme zu dem Entwurf gebeten und können sich hier einbringen." Weil die Neuregelung bereits ab August gilt, konkrete Inhalte und notwendige Fachkräfte derzeit aber fehlen, kritisieren Praktiker die Veränderungen als "zu schnell und mit heißer Nadel gestrickt." 

Der Buchholzer Stadtsprecher Heinrich Helms weist zudem darauf hin, dass durch die beitragsfreie Kita ab August vermutlich mehr Kinder angemeldet werden. "Auch das muss gewuppt werden." Zusätzliche Aufgaben durch Sprachförderung seien daher ein "Doppelpack an Belastungen". Dass der Markt der Fachkräfte leergefegt ist, sei in Buchholz ein genauso großes Problem wie in Buxtehude oder anderswo. 

Eine Kita-Leiterin aus der Region erklärt, wo es in der Praxis hapert: Sprachbildung habe schon immer zum Arbeitsauftrag der Kita gehört. Jetzt käme die Sprachförderung für Vorschulkinder dazu. "Das heißt auch, dass wir den Förderbedarf für jedes Kind im dritten Kindergartenjahr individuell ermitteln müssen. Dafür galten wir im Kindergarten in den vergangenen Jahren als 'zu dumm'", stellt die Pädagogin mit einer ordentlichen Prise Sarkasmus fest.

Weil Sprachförderung vor einigen Jahren schon einmal Aufgabe der Kindertagestätten war - bevor die Grundschulen übernahmen - gebe es durchaus Erzieherinnen und Erzieher mit den notwendigen Qualifikationen. "Doch die arbeiten im normalen Gruppendienst." Würden sie dort herausgelöst, müssten diese Stellen neu besetzt werden. Oder es müssten externe Experten den Sprachförderjob übernehmen. Auf diese Fachleute würden sich jetzt aber alle Einrichtungen in Niedersachsen stürzen. Ministeriumssprecher Schumann sieht in dem noch fehlenden Personal kein Problem, denn das Land werde mit dem "Niedersachsen Plan" zusätzliche Fachkräfte, auch Quereinsteiger, für den Kita-Job gewinnen. "Das dauert mindestens drei Jahre", setzt die Kitaleiterin dagegen. Dass die neue Landesregierung Bildung von Krippe bis Abi als zentrales Politikfeld betrachtet, ist gut und richtig.

Kommentar:  Langsamer wäre nachhaltiger
Aber: Warum jetzt die Eile? Warum wird der Fachkräftemangel in Niedersachsens Kitas noch zusätzlich aus Hannover befeuert? 
Auf dem Papier sieht die Rechnung richtig gut aus: Durch die Verlagerung der Sprachförderung von der Grundschule in die Kita stehen rechnerisch 500 Lehrerstellen mehr an Grundschulen zur Verfügung. Ist doch prima für gebeutelte Grundschulen. Und dem Ansatz, dass die gute Arbeit der Kitas aufgewertet wird, kann auch niemand widersprechen.
Besser, weil nachhaltiger, wäre es jedoch gewesen, zuerst das Fundament und dann den Überbau zu verändern. Erst wenn es mehr Fachpersonal gibt - das erst ausgebildet werden muss - können Aufgaben aufgesattelt werden. Erst wenn andere Bundesländer nicht mehr Gehalt bezahlen - etwa Hamburg - wird der Fachkräftemangel in Niedersachsen abgemildert.
So ist der Reformvorstoß ein Stück schnelle Symbolpolitik: "Seht her, wir packen's an und zwar sofort!" Hier vermisse ich den jetzigen "CDU-General" Kai Seefried: Wäre er noch schulpolitischer Sprecher seiner Landtagsfraktion in der Opposition, noch am Montag hätte es von ihm eine geharnischte Stellungnahme gegeben. Von "Mogelpackung und Scheinlösungen zu Lasten von Erziehern, Kindern und Eltern" hätte der Ex-Schulpolitiker vermutlich gesprochen - und recht damit gehabt. Tom Kreib