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Nach Pyro-Skandal: Nur Elstorf wird bestraft / Umfrage

Chaoten zündeten im Dezember in Elstorf Pyrotechnik. (Foto: archiv/Sport&Lifestyle NW/Elstorf)
bc. Elstorf. Entsetzen, Unverständnis und Wut herrscht bei vielen Fußballspielern, Funktionären und Fans über das Berufungsurteil des Verbandssportgerichtes zum abgebrochenen Skandalspiel zwischen dem TSV Elstorf und dem TuS Celle FC. Demnach kommen die Celler straffrei davon, die Elstorfer werden mit 300 Euro zur Kasse gebeten - und das, obwohl rund 30 Chaoten, die dem Celler Lager zugeordnet werden, für die Randale mit gezündeten Bengalos und dem darauffolgenden Spielabbruch in Elstorf verantwortlich waren.

„Durch dieses Urteil werden Gewalt, Pyrotechnik, Beleidigungen und Handgreiflichkeiten an Spielern, Schiedsrichtern und unbeteiligten Zuschauern verharmlost“, schimpft der TSV-Vorstand um den Vorsitzenden Ingo Rischer in einer Stellungnahme. Dieses Urteil dürfe keine Schule machen.

Wie berichtet, wurde die Bezirksliga-Partie im Dezember beim Stand von 1:2 gegen Elstorf nach der Halbzeit nicht wieder angepfiffen. Die zum Teil stark alkoholisierten Gäste-Fans hatten das Spiel u.a. mit Bengalos so gestört, dass Polizeipräsenz nötig war. Vier Polizisten erlitten leichte Verletzungen. Der Vorfall machte bundesweit Schlagzeilen: Spielabbruch in der 7. Liga.

Das Bezirkssportgericht wertete die Begegnung in erster Instanz mit 5:0 für Elstorf, Celle musste 500 Euro Strafe zahlen, Elstorf 300 Euro für fehlende Ordner. Der TSV akzeptierte die Strafe, Celle nicht und klagte weiter - mit Erfolg. Jetzt gibt es ein Wiederholungsspiel am Mittwoch, 26. April, und der TSV Elstorf muss als einziger Verein zahlen, da er keinen Einspruch gegen das seiner Meinung nach richtige Urteil eingelegt hatte. Rischer: „Das ist schon fast Hohn. Wir fühlen uns von der Sportgerichtsbarkeit und vom Fußballverband im Stich gelassen.“ Schon die Berufung des TuS Celle sei ein Skandal gewesen.

Auch im Landkreis Stade ist man erschüttert. Ulrich Mayntz, Erster Vorsitzender des Kreis-Fußballverbandes, sagt dazu: „Das Urteil ist äußerst bedenkenswert, ungerecht und unsportlich.“ Es öffne für weiteres Fehlverhalten von Fans Tür und Tor.

„Warum kann ein Verein nicht eine Strafe akzeptieren, um seinen randalierenden Fans zu zeigen, dass solch ein Verhalten nicht toleriert wird?“, schreibt der Vorstand des TSV Elstorf. Der Bezirksligist sieht sich als Opfer der Sportgerichtsbarkeit.

TSV-Sprecher Nils Gosebeck kann nicht nachvollziehen, warum der TuS Celle FC nun in zweiter Instanz vom Verbandssportgericht des Niedersächsischen Fußballverbandes freigesprochen wurde. Stattdessen muss nun nur der TSV 300 Euro plus Verwaltungskosten für fehlende Ordner zahlen, da er keine Berufung gegen das erste Urteil eingelegt hat.

„Das Urteil ist eine Katastrophe“, erklärt Simon Beecken, Ligamanager des Fußball-Oberligisten TSV Buchholz 08. „Wir dürfen nicht zulassen, dass Vereine und eine ganze Sportart durch sogenannte Fans in Misskredit kommt“, betont Beecken. Ein richtiges Signal wäre ein langjähriges Stadionverbot für die Randalierer gewesen. So wie es 08 bereits gegen einen eigenen Fan durchsetzte: Ein Mann, der nach einem Spiel einen Linienrichter am Oberarm packte, wurde von dem Klub mit einem fünfjährigen Stadionverbot an der heimischen Otto-Koch-Kampfbahn belegt. Zudem nahm ihn der Verein in Regress, sodass der einsichtige Fan die Geldstrafe an den Hamburger Fußballverband zahlte. Beecken: „Gegen Stadionbesucher, die dem Ansehen der Vereine schaden, helfen nur Konsequenz und Härte - egal ob im Profi- oder Amateurbereich!“

In der Urteilsbegründung während der Verhandlung betonte der Vorsitzende Verbandssportrichter Jörg Firus nach Angaben des TSV, dass sämtliche Vereine im Niedersächsischen Fußballverband nicht für das Verhalten ihrer Fans oder Zuschauer haftbar gemacht werden können. „Das gilt aber nur, sofern die Ereignisse nicht vorhersehbar sind“, ergänzt Wolfgang Lidle, Erster Vorsitzender des TuS Celle FC, auf WOCHENBLATT-Anfrage.

Dem Celler Funktionär missfällt der Umgang der Elstorfer Verantwortlichen mit den Vorfällen und die anschließende negative Berichterstattung in großen Boulevardmedien: „Die Vorkommnisse sind völlig überzogen vom TSV dargestellt worden. Zu keinem Zeitpunkt war ein Spielabbruch gerechtfertigt“, so Lidle. Der Jurist fühlt sich vom jetzigen Urteil bestätigt, gegen das nun keine Rechtsmittel mehr eingelegt werden können.

Lidle betont: „Wir sind von den Ereignissen im Dezember völlig überrascht worden.“ Der TuS stehe eigentlich in guten Kontakten zur Fanszene, auch zu den etwa ein Dutzend Ultras. Lidle verspricht: „Wir werden darauf einwirken, dass es beim Wiederholungsspiel zu keinen neuen Provokationen kommen wird.“

Gut möglich, dass das Urteil in Kürze ein Fall für die höchsten Stellen des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) wird. Michael Grosse-Brömer, parlamentarischer Geschäftsführer der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, hat den Schriftsatz an DFB-Präsident Reinhard Grindel geschickt. Der DFB müsse Kenntnis von dem Urteil erhalten, so Grosse-Brömer: „Es kann nicht sein, dass gewaltbereite Fans in den Amateurligen für Unruhe sorgen und niemand in Mitverantwortung genommen wird.“ Ziel des DFB müsse es sein, geeignete Maßnahmen zu treffen, um solche Vorfälle in Zukunft auszuschließen.

• Auch nach einer Partie in der 3. Kreisklasse im Landkreis Stade gab es am vergangenen Wochenende tumultartige Szenen zwischen Spielern der Vereine TSV Buxtehude-Altkloster 2 und dem MTV Himmelpforten 2. Zwei Streifenwagen rückten an. Die Polizisten mussten aber nicht mehr eingreifen. Die Gemüter hatten sich wieder beruhigt, verletzt wurde niemand.

• Wie bewerten Sie, liebe Leserinnen und Leser, das Urteil des Verbandssportgerichts? Ist es gerecht oder ein Skandal? Schreiben Sie uns Ihre Meinung per E-Mail an os@kreiszeitung.net.


Zwischenruf

Die Entscheidung, die Partie zwischen Elstorf und Celle nachzuholen, ist sportlich richtig. Die am grünen Tisch zugesprochene Wertung mit 5:0 für Elstorf wäre unfair gegenüber den anderen Mannschaften im Bezirksliga-Abstiegskampf gewesen. Dass nun allerdings Celle straffrei aus der Sache hervorgeht, ist ein falsches Signal für alle Fans da draußen auf den Dorf-Sportplätzen dieser Republik, die nun zu der Ansicht gelangen könnten, sie dürften besoffen, aggressiv pöbelnd und Bengalo-fackelnd am Wochenende über die Grounds der Amateurclubs tingeln, ohne dass sie, respektive ihr Verein, etwas zu befürchten hätten.
Anders sieht es dagegen in den Bundesliga-Stadien aus, wo fast jedes Wochenende mit Leuchtfeuer hantiert wird, die Vereine dann in der Regel an den DFB horrende Summen zahlen müssen und dafür mit Stadien-Verboten reagieren - sofern die Zündler ermittelt werden können. Die Botschaft, die nun von diesem Urteil ausgeht, könnte als Freifahrtschein missgedeutet werden. Deswegen hat wohl der TSV Elstorf angekündigt, möglicherweise zivilrechtliche Schritte einzuleiten.
Björn Carstens