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Analyst: "USA ist die Achillesferse"

Folker Hellmeyer, Chefanalyst der Bremer Landesbank (Mi.), mit den Vorständen der Sparkasse Stade-Altes Land, Wolfgang Schult (li.) und Michael Senf (Foto: bc)
bc. Jork. Die Mehrzahl der Deutschen sind nach wie vor Börsenmuffel. Bei Geldanlagen setzen sie vergleichsweise zurückhaltender auf Aktien als andere Nationen. Dabei versprechen angesichts von Null- oder Niedrigzinsen gerade Aktien lohnenswerte Renditen, wie Folker Hellmeyer, Chefanalyst der Bremer Landesbank, in seinem kurzweiligen Vortrag beim Kapitalmarktforum der Sparkasse Stade-Altes Land am Dienstag vor mehr als 300 Zuhörern im Jorker Fährhaus Kirschenland betonte.
Langfristige Aktieninvestments seien anders als das gute alte Sparbuch ein guter Inflationsschutz. Die durchschnittliche Dividendenrendite (Gewinnausschüttung) betrage rund 3,2 Prozent - kein Vergleich zu festverzinslichen Finanzprodukten. „Wo sonst bekommt man noch 3,2 Prozent Zinsen“, so Hellmeyer.
Der Finanzmarkt-Experte rechnet damit, dass der Dax in diesem Jahr die Höchstmarke von etwa 12.400 Punkten signifikant überschreiten werde. Aktuell notiert der Dax bei rund 11.600 Punkten.
Die politischen Risiken auf den Finanzmärkten seien trotz vieler Unsicherheiten überschaubar, die Chancen weitaus höher. Der gebürtige Wedeler begrüßte die Bemühungen des neuen US-Präsidenten Donald Trump, mit Russland wieder in den Dialog zu treten. Das vermindere das Risiko einer geopolitischen Krise: „Die bisherige Politik des Westens war eher auf Eskalation angelegt.“ In diesem Zusammenhang sei es positiv, dass das Transatlantische Freihandelsabkommen TTIP auf absehbare Zeit „tot sei“, so Hellmeyer: „Russland und China wären außen vor gewesen.“
Für den Westen sei es ein echtes Risiko, dass aufstrebende Länder wie Brasilien, Russland, China und Indien ihren eigenen Weg gehen. Sie tragen jetzt schon 62 Prozent zur Weltwirtschaft bei. Chinesische Infrastrukturprojekte wie „One Belt, One Road“ („Neue Seidenstraße“) - das größte Weltwirtschaftsprojekt überhaupt - sollte der Westen ernst nehmen.
Hellmeyer hält den geplanten Brexit, also den Austritt Großbritanniens aus der EU, für eine konjunkturelle Chance für Kontinental-Europa. Produktionsstätten würden sich aufs Festland verlagern. Hellmeyer, bekannt für seine klare Sprache, dazu: „Der Brexit ist britischer Masochismus ökonomischer Ausprägung.“
Für die Eurozone erkennt Hellmeyer hohes Potenzial. Hier hänge der Aufschwung - anders als in den USA - an „wiederkehrenden, wachsenden Einkommen“. Einkommen wachsen stärker als Kredite. In den USA herrschten hingegen noch lockere Kreditvergabestandards als vor der Pleite der US-Investmentbank Lehman 2008. Hellmeyer: „Das geht nicht gut. Die USA ist die Achillesferse der Weltwirtschaft.“
In Europa hätten stattdessen Strukturreformen schlingernde Staaten wie Spanien, Portugal und Irland zurück auf Kurs gebracht. Europa befände sich auf dem Wachstumspfad, verfüge über relativ stabile Haushalte und ein sicheres Rechtssystem. Außerdem sinke die Arbeitslosigkeit kontinuierlich.
Ferner sei Europa ein Hort der „Hidden Champions“ - das sind Unternehmen, die in ihren Nischen Marktführer sind. Mehr als 60 Prozent der „Hidden Champions“ stammen aus der Eurozone - bei einer Weltbevölkerung von nur vier Prozent. Was Hellmeyer zudem positiv anmerkte: „Europa ist das letzte Pflaster der humanistisch geprägten Demokratie, in der nicht Eliten sondern der Mensch im Mittelpunkt steht.“
Hellmeyer prognostiziert, dass im dritten Quartal 2017 die Negativzinsen ein Ende haben. Gegen Ende des Jahres würden die Zinsen wieder ansteigen.