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Billige Energie teuer bezahlt: Sorgen dank "SorglosStrom"

Von wegen nur Wechsel in einen besseren Tarif: Fix war ein junger Mann aus Neu Wulmstrof Neukunde bei "SorglosStrom"
Stromkonzern und seine Mutter "Energy2day" im Visier von Verbraucherschützern / Fall aus Neu Wulmstorf

tk. Neu Wulmstorf. "Kaum war der Typ weg, wusste ich: das war ein Fehler", sagt Jonas Peinelt. Am 1. Oktober klingelte es an seiner Tür. Nur bei ihm und nicht den 39 anderen Mietern in dem Mehrfamilienhaus in Neu Wulmstorf an der Bahnhofstraße. Ein junger, dynamischer Vertreter von "SorglosStrom" war ganz fix bei der Sache: Die Strompreise steigen, er könne etwas dagegen tun." Und ehe er sich's versah, hatte Peinelt einen Vertrag unterschrieben.



"Der Vertreter hatte mir versichert, dass ich bei meinem Versorger bleibe und 'SorglosStrom' nur für einen günstigeren Tarif sorgt", so Jonas Peinelt. Beim Blick auf den Vertrag, der dem WOCHENBLATT vorliegt, ist davon keine Rede: Der junge Mann aus Neu Wulmstorf ist Neukunde von "SorglosStrom" im Tarif "RegioCent".

Peinelt googelte das Unternehmen und fand viele negative Einträge über "SorglosStrom" und die Konzernmutter "Energy2day". Beispiel: Die "Stiftung Warentest" meldete im August 2014: "SorglosStrom täuscht Kunden". Und auch das WOCHENBLATT hatte im Februar 2014 berichtet, dass eine "Energy2day"-Mitarbeiterin sich als EWE-Vertreterin ausgab und eine Seniorin zu einem neuen Vertrag überredete. Der Enkel erstattete Anzeige.

Zwei Wege der Kundengewinnung werden im Internet vielfach kritisch genannt: Zum einen Anrufe, bei denen die Angerufenen plötzlich einen Vertrag abgeschlossen haben. Zum anderen Vertriebsmitarbeiter, die sich in manchen Fällen als Mitarbeiter der örtlichen Stadtwerke ausgeben. "So etwas erleben wir mit konkurrierenden Versorgern immer wieder", sagt etwa Stefan Babis, Prokurist der Stadtwerke Buxtehude.

"Unsere Philosophie: Günstige Energie & guter Kundenservice" steht auf der Energy2day"-Homepage. Das sieht Gabriele Emmerich, Anwältin bei der Verbraucherzentrale Sachsen-Anhalt, anders. Im Juni hat "Energy2day" eine Unterlassungklage der Verbraucherschützer vor dem Landgericht München akzeptiert. Mit unerlaubten Telefonaten hatte der Versorger Kunden angelockt. Bei Zuwiderhandlungen drohen jetzt Bußgelder bis zu 250.000 Euro.

In Niedersachsen gibt es seit März das Projekt "Marktwächter Energie für Niedersachsen" bei der Verbraucherzentrale. Der Leiter, der Jurist Dr. Kai Köhn: "Bei uns gibt es einige Beschwerdefälle über 'Sorglosstrom' und 'Energy2day'." Über ein Abmahnverfahren sei daher schon nachgedacht worden. Köhn betont: Allein schon der unangekündigte Telefonanruf sei rechtswidrig.

Verbraucherschützer raten allen Kunden die sich geprellt fühlen, sich energisch zu wehren. Wichtig sei es, nicht nur den neuen Vertrag per Einschreiben innheralb von 14 Tagen zu widerrufen, sondern auch den bisherigen Anbieter zu informieren, dass man Kunde bleiben wolle. Das hat Jonas Peinelt beides getan. "Ich hoffe, dass ist jetzt alles erledigt."

• In einer kurzen Stellungnahme zu einer umfangreichen Anfrage antwortet eine Sprecherin, dass die Fragen zu "angeblichen Geschehnissen" an die Vertriebspartner vor Ort weitergeleitet wurden. Die Vertriebspartner seien gehalten, sich "höflich und korrekt zu verhalten". Die Sprecherin bestätigt, dass der Vertrag von Jonas Peinelt von ihm gekündigt wurde und daher nicht mehr besteht.

Ein Kommentar:

Wer so blöd ist, sich an der Haustür oder am Telefon überrumpeln zu lassen ist doch selber schuld. So einfach könnte man die Abzocke von "SorglosStrom" und anderen abtun. Warum das falsch ist: Dieses - und auch andere Unternehmen - kassieren permanent Ordnungsgelder in fünfstelliger Höhe. Meistens sind es beim Thema Strom lokale Stadtwerke, die soetwas vor Gericht durchsetzen.
Das Geschäftsmodell muss extrem lohnend sein. Was sind schon 50.000 Euro Ordnungsgeld, wenn auf der anderen Seite durch den massiven Einsatz von Drückerkolonnen sehr viel mehr reinkommt.
Es passt perfekt ins Bild, dass eine Sprecherin von "SorglosStrom" bzw. der Konzernmutter "Energy2day" Anwältin ist. Statt Infos gibt es Juristendeutsch. "Der von Ihnen geschilderte Sachverhalt ist für uns leider in keinster Weise verifizierbar", teilte die Sprecherin-Anwältin auf unsere erste Anfrage mit. Und legte nach: "Wir gehen davon aus, dass Sie die gegen uns gerichteten Vorwürfe ordnungsgemäß, richtig und vollständig recherchiert haben (...)".
Weil wir das haben kann es nur eine Konsequenz geben: Solchen Unternehmen den Saft abdrehen. Da sind Politik und Regulierungsbehörden gefordert.
Tom Kreib