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Die Zukunft des stationären Handels ist online: WOCHENBLATT-Interview mit IHK-Experten

Harald Kätker (Foto: IHK)
 
Kathrin Wiellowicz (Foto: IHK)
Ist der stationäre Handel in den Landkreisen Stade und Harburg auf den Wettbewerb mit dem Online-Handel gut vorbereitet? Wie können auch kleine Händler im digitalen Zeitalter stationär überleben? Das wollte das WOCHENBLATT von Kathrin Wiellowicz von der Industrie- und Handelskammer Stade und zuständig für den Landkreis Stade sowie ihrem IHK-Kollegen in Lüneburg, Harald Kätker, zuständig für den Landkreis Harburg, wissen.
WOCHENBLATT: Wie beurteilen Sie die Auswirkungen des E-Commerce auf den stationären Handel?
Kathrin Wiellowicz: Die Entwicklung des Online-Handels bekommt der stationäre Einzelhandel deutlich zu spüren. Innerhalb des Fachhandels lässt sich bereits ein Wandel vom kleinbetrieblichen, inhabergeführten Fachhandel hin zu Filialisten und Fachmärkten beobachten. Der Kunde ist aber sowohl online als auch offline unterwegs.
Harald Kätker: Die Konsumenten sind heute nicht nur mobiler und weniger treu, sondern auch aufgeklärter. Bei den Punkten Bequemlichkeit und Preisen hat der Online-Handel oft die Nase vorne. Der stationäre Handel muss dagegen mit persönlichem Kundenkontakt, kompetenten Mitarbeitern, Qualität von Ware und Sortiment sowie einem realen Einkaufserlebnis punkten.
WOCHENBLATT: Ist der Handel in den Landkreisen Stade und Harburg auf dies Entwicklung gut vorbereitet?
Kathrin Wiellowicz: Eine Umfrage der IHK Stade hat ergeben, dass fast zwei Drittel der regionalen Händler im Elbe-Weser-Raum keinen digitalen Vertriebskanal nutzen. Da ist noch Luft nach oben. Beratung und Informationen gibt es u.a. bei ihrer IHK.
Harald Kätker: Auch nach einer Umfrage des Handelsverbandes Deutschland (HDE) nutzen rund 70 Prozent der stationären Händler das Internet noch nicht aktiv als Vertriebskanal. Wir raten, zumindest zu einer Homepage und einen Eintrag bei Google Business, der kostenlos ist. Auszubildende, die mit dem Internet aufgewachsen sind, können hierbei helfen.
WOCHENBLATT: Welche Möglichkeiten haben kleine Händler, sich online zu präsentieren?
Kathrin Wiellowicz: Eine aktuell viel diskutierte Strategie ist das so genannte "Multi-Channelling", das heißt Waren auf verschiedenen Vertriebswegen anzubieten. Hierfür bedarf es eines eigenen Online-Shops mit einem Warenwirtschaftssystem, einer gut funktionierenden Logistik und fachlichem Knowhow. Für kleine Geschäfte gibt es auch andere Möglichkeiten. Der Kunde nutzt das Internet auch, um sich über einen nächstgelegenen Standort, die Produktpalette eines Geschäftes, oder die Empfehlungen anderer Kunden zu informieren, bevor er einen Artikel offline, also stationär kauft ("Cross-Channel-Verhalten"). Eine eigene Homepage und ein Standort-Eintrag bei Google sind daher inzwischen ein Muss.
Harald Kätker: Online präsent zu sein, muss nicht mit großen Kosten verbunden sein. Es gibt Beispiele von Branchenverbänden wie z.B. www.schuhe.de und Verbundgruppen wie z.B. Intersport, die gute Plattformen bieten. Damit ist der Aufwand überschaubar, aber der Nutzen groß. Voraussetzung für kundenorientierte Services wie z.B. Online-Reservierungen oder Click&Collect (online kaufen und im Laden abholen) ist allerdings ein elektronisches Datenmanagementsystem, damit die Verfügbarkeit der Artikel abrufbar ist. Zudem können soziale Medien (Facebook, Instagram etc.) genutzt werden, um Kundenbindung zu betreiben.
WOCHENBLATT: Muss sich jeder Händler Gedanken über digitale Vertriebsstrukturen machen?
Kathrin Wiellowicz: Auf jeden Fall! Letztlich darf man die Augen vor der aktuellen Entwicklung und der Bedeutung der Digitalisierung für die Zukunft des Einzelhandels nicht verschließen. Auch Cross-Channelling kann für viele Händler die Lösung sein. Diesen Weg muss jeder aktiv für sich prüfen.
Harald Kätker: Nur wer online stattfindet, wird langfristig auch stationär überleben können. Das hört sich hart an, aber so hart ist eben auch der Kunde in seinen Entscheidungen und seinem Kaufverhalten.
WOCHENBLATT: Welche Bedeutung hat der E-Commerce für den Tourismus in unserer Region?
Kathrin Wiellowicz: Die Attraktivität von touristisch bedeutsamen Gemeinden und Städten hängt u.a. von der Erlebnisqualität beim Einkauf ab. Diese Erlebnisqualität kann durch die digitale Präsenz der Einzelhändler und des Gewerbevereins vor Ort gesteigert werden.
Harald Kätker: Mit den Möglichkeiten des Internets und insbesondere von Smartphones gibt es einen neuen Werbekanal für Stadtmarketinggesellschaften, Standortgemeinschaften und touristische Destinationen. Der Kunde bzw. Besucher recherchiert überwiegend im Netz, sehnt sich aber nach "analoger" Erholung. Diese Chance gilt es zu nutzen.
• Nach aktuellen Zahlen des Institutes für Handelsforschung wurde im Onlinehandel ein Umsatzvolumen von mehr als 42,8 Mrd. Euro erreicht. Laut Kathrin Wiellowicz ist das ein Anteil am gesamten Einzelhandelsumsatz von 9,4 Prozent. Ohne Güter des täglichen Bedarfs liegt der Anteil mit 16,6 Prozent deutlich höher.