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Eine Stinkwut auf die Behörden

Jürgen Albrechtsen am Schacht seiner Kläranlage. Er besitzt die erforderliche Ausrüstung, um selbst Proben ziehen zu können
 
Für amtliche Proben an seiner Schilfbeet-Kläranlage muss Jürgen Albrechtsen viel Geld hinblättern
jd. Drochtersen-Hüll. Rentner ärgert sich über Erlass: Die Kontrolle seiner Klein-Kläranlage kostet nun fast das Fünffache. "Die Behörden drangsalieren uns Bürger mit immer neuen Bestimmungen", ärgert sich Jürgen Albrechtsen. Der Rentner aus Hüll bewohnt mit seiner Frau ein kleines Häuschen - inmitten von Moor und Marsch sowie abseits aller Abwasserleitungen. Um sein Schmutzwasser umweltbewusst zu reinigen, betreibt er seit Jahrzehnten eine sogenannte Schilfbeet-Kläranlage. Regelmäßig wird ihm von einer Wartungsfirma bescheinigt, dass bei den Wasserproben alle Werte in Ordnung sind. In diesem Jahr zog erstmals der Landkreis Stade eine Probe - aufgrund eines neuen Erlasses. Die Gebühren dafür betragen fast das Fünffache der bisherigen Kosten. Das Wartungsunternehmen stellt bisher 46 Euro in Rechnung, der Landkreis will nun 215 Euro für Probenentnahme und -analyse haben.

Albrechtsen hat angesichts der krassen Gebührenerhöhung eine Stinkwut im Bauch: "Wir Besitzer von Klein-Kläranlagen haben eben keine einflussreiche Lobby wie die Landwirte." Immer wieder beobachte er, dass die Bauern auf den benachbarten Wiesen massenweise Gülle ausbringen. "Die Güllefässer sind lediglich mit Pralltellern versehen, sodass ein Großteil des stinkigen Zeugs in den Gräben landet." Ihm sei nicht bekannt, dass das Wasser in den Gräben irgendwann mal untersucht worden sei. Wer aber eine etwas ältere Pflanzenkläranlage besitze, werde vom Landkreis wie ein potenzieller Wasserverschmutzer behandelt.

Dabei habe ihm der Kreis Stade erst vor wenigen Monaten attestiert, dass seine Abwasserbeseitigung ordnungsgemäß funktioniere, so Albrechtsen. Die Pflanzenkläranlage sei "mangelfrei" und entspreche den "allgemein anerkannten Regeln der Technik", heißt es in einem Schreiben des Umweltamtes. Da der Rentner über das Equipment und die nötigen Fachkenntnisse verfügt, durfte er eine der zwei Proben pro Jahr sogar selbst analysieren.

Mit diesem Vertrauen in den mündigen Bürger ist nun Schluss: Frei nach dem Leninschen Prinzip "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser" wird die Überwachung der Klein-Kläranlage nun zur staatlichen Aufgabe. Das niedersächsische Landwirtschaftsministerium brachte noch zu schwarz-gelben Regierungszeiten einen Erlass heraus, der den Landkreisen als untere Wasserbehörden aufträgt, ältere Klein-Kläranlagen ganz penibel zu kontrollieren - auch wenn sie vorher stets einwandfrei liefen. Auf den Schlips getreten fühlen sich dabei auch die Wartungsfirmen. Sie haben eigens Fachkräfte schulen und zertifizieren lassen, um die Wasserproben nach Recht und Gesetz zu analysieren. Doch von Bedeutung ist jetzt nur noch die amtliche Stichprobe.

Albrechtsen hat beim Landkreis nach dem höheren Sinn der neuen Regelung gefragt. Die Zeiten, in denen Bürger wie Untertanen behandelt werden, seien doch wohl längst vorbei, meint Albrechtsen: "Ich bin bereit, Gebühren zu zahlen, wenn man mir die Notwendigkeit eines Verwaltungsaktes plausibel darlegt." Doch das Kreis-Umweltamt kann sich auch nur auf den Erlass des Landes berufen: "Wir haben dessen Vorgaben nach pflichtgemäßem Ermessen umzusetzen", erklärt Umweltamts-Leiter Heiko Köhnlein auf WOCHENBLATT-Nachfrage. Und es lässt sich schon ahnen, worauf sich das Ministerium in Hannover bezieht. Richtig vermutet: auf Richtlinien aus Brüssel.