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"Jetzt bin ich obdachlos"

Joachim Fahr trägt sein Hab und Gut in eine Garage
 
Gerichtsvollzieher, Bürgermeister und Anwalt überwachen die Zwangsräumung

Joachim Fahr muss sein Haus räumen / Bürgermeister Schamlott: Ich muss meine Pläne nicht offen legen"

mum. Brackel. "Jetzt hat es der Bürgermeister endlich geschafft. Ich bin obdachlos!" Joachim Fahr (51) wurde am Freitag nach einem mehrere Monate andauernden Rechtsstreit zwangsgeräumt. Das WOCHENBLATT hatte im Sommer zum ersten Mal von dem Fall berichtet. Henning Schamlott, Bürgermeister von Brackel, will das Haus, in dem bereits Fahrs Großeltern lebten, abreißen lassen. Also kündigte er den Pachtvertrag für das 400 Quadratmeter große Grundstück. „Als ich nicht auszog, wurde mir der Strom abgeklemmt“, so Fahr. Als er daraufhin von einem Nachbargrundstück mit Strom versorgt wurde, hätten Bauhofmitarbeiter mehrfach das Kabel zerschnitten. Auf WOCHENBLATT-Nachfrage erklärte Schamlott damals, es sei der Wille der Gemeinde, dass das Haus geräumt werde.
Ortstermin am Freitag: Die Atmosphäre ist so frostig kalt wie die Temperaturen. Aus Angst vor weiteren Kosten hat sich Fahr dazu entschlossen, sein Zuhause zu räumen. Unter den wachsamen Augen einer Gerichtsvollzieherin trägt Fahr gemeinsam mit einem Freund Kartons aus dem Haus. Die Katzen Felix und Mauzi, die sich sonst gern von Besuchern streicheln lassen, haben sich versteckt. Bürgermeister Schamlott beobachtet die Szene gemeinsam mit seinem Anwalt sowie Hans-Heinrich Schwanemann (Fachbereichsleiter für Sicherheit, Ordnung und) Soziales. Schwanemann bietet Fahr an, vorübergehend in die Obdachlosen-Wohnung der Samtgemeinde zu ziehen. "Das werde ich annehmen. Wo soll ich sonst auch hin."
Rückblende: Joachim Fahr bewohnte bis Freitag eine Doppelhaushälfte in der Straße „Im Haßel“ - mitten im Grünen und nahe des Sportplatzes. Dort ist er nach dem Tod seines Vaters, den er gepflegt hatte, Anfang 2012 eingezogen. „Mir bedeutet das Haus sehr viel“, sagt Fahr. Bereits seine Großeltern lebten nach dem Krieg dort, dann zogen Fahrs Eltern ein. „Alle meine Erinnerungen sind mit diesen vier Wänden verknüpft.“
Unmittelbar nach dem Tod des Vaters kündigte die Gemeinde den Pachtvertrag. „Ich habe angeboten, jährlich 3.500 statt 20 Euro Pacht zu zahlen und eine neue Kläranlage einzubauen“, so Fahr. Aber Brackels Bürgermeister Schamlott blieb hart. "Wovon soll Joachim Fahr denn eine neue Kläranlage bezahlen?" argumentiert er. Fahr zog vor Gericht. Ohne Erfolg. Da der Streitwert mit nur 20 Euro (Pachtgebühr für ein Jahr) festgelegt wurde, konnte Fahr nicht in Berufung gehen. Weitere juristische Mittel blieben ohne Erfolg. Jetzt hofft Fahr, dass er zumindest eine Entschädigung für das Haus bekommt. Er hat die Angelegenheit seinem Anwalt übergeben.
Juristisch ist der Fall klar. Der Bürgermeister ist im Recht. Aber warum muss Fahr das Haus verlassen? Es handele sich um eine Behelfsunterkunft, die nach dem Krieg genutzt werden durfte. „Heute besteht keine Wohnungsnot mehr“, so der Bürgermeister.
„Herr Fahr ist in keiner Notsituation.“ Also bestände kein Anlass für ihn, dort zu wohnen.
Und wie geht es mit dem Areal weiter? "Ich muss meine Pläne nicht offen legen", lautet die lapidare Antwort des Bürgermeisters.