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Der bunte Schnökerteller

Nur noch in wenigen Dörfern greift ein junger "Neujahrswünscher" in den Schnökerteller. Der Brauch stirbt langsam aus
Der Teller, der am Neujahrsmorgen auf dem Dielentisch stand, zog mich magisch an - war er doch randvoll gefüllt mit Lakritzschnecken, Gummibärchen, Fruchtbonbons und anderen Leckereien. Ich streckte meine Hand bereits dem unwiderstehlichen Schnökerkram entgegen, als ein lautes "Finger weg" erscholl. Meine Frau belehrte mich, dass der bunte Teller für die Neujahrswünscher bestimmt sei. "Neujahrs-was?"

Doch dann dämmerte es mir trotz Katers recht schnell: Da gab es doch in unserem Dorf diesen Brauch, dass die Kinder am ersten Tag im Jahr morgens von Haus zu Haus gehen und den Bewohnern ein frohes neues Jahr wünschen. Als kleiner Dank gab es eine Handvoll Süßigkeiten. Auch unsere Kinder waren noch vor ein paar Jahren unterwegs, doch denen verging schnell die Lust. Nicht nur die "Ausbeute" wurde immer geringer - einige Leute, die zugezogen waren und mit dem Brauch nichts anzufangen wussten, reagierten extrem ungehalten. "Was soll das, ihr habt doch schon zu Halloween etwas bekommen", war die häufigste Reaktion.

Und irgendwie stimmt das ja auch: Zu Halloween ziehen die Kinder scharenweise durch das Dorf und fordern mit großem Getöse Süßigkeiten ein. Da ist wohl jeder genervt, wenn die Gören zwei Monate später wieder auf der Matte stehen. So ist das eben: Trend geht vor Tradition. Eine irisch-amerikanische (Un-)Sitte hat einem alten Brauch den Rang abgelaufen. Für mich war das aber nur von Vorteil: Bei uns klingelte am Neujahrsmorgen niemand. Ich durfte mich über den Schnökerteller hermachen.

Jörg Dammann