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Die meisten Schäden: Kreis Stade trauriger Spitzenreiter bei der Autohaftpflicht

Im Kreis Stade ereignen sich - wie auf dem Foto in Buxtehude - überdurchschnittlich viele Unfälle Foto: Archiv/Polizei
 
Redakteur Jörg Dammann ärgert sich über die teure Kfz-Haftpflicht im Kreis Stade
jd. Stade. Der Kilometerstand auf dem Tacho geht auf die 400.000er-Marke zu, allmählich beginnt auch der Austausch-Motor zu ruckeln und der TÜV-Termin rückt näher: Für WOCHENBLATT-Redakteur Jörg Dammann war es höchste Zeit, sich nach einem neuen Auto umzuschauen. Inzwischen ist das neue Gefährt bestellt. Unser Kollege recherchierte auch gleich wegen einer neuen Kfz-Versicherung - und stieß dabei auf eine erstaunliche Tatsache: Wer wie er sein Auto im Kreis Stade angemeldet hat, muss landesweit mit die höchsten Beiträge für die Kfz-Haftpflicht zahlen. Die hiesigen Autofahrer verursachen wesentlich mehr Unfälle als die Bewohner der Nachbarkreise.

Die Einstufung bei den Versicherungen erfolgt in sogenannten Regionalklassen. Davon gibt es zwölf. Eins bedeutet wenig Unfälle (günstiger Tarif), zwölf steht für viele Unfälle (hoher Tarif). Der Landkreis Stade ist in die Regionalklasse 7 eingestuft - und damit niedersachsenweit trauriger Spitzenreiter aller ländlichen Regionen. Das bedeutet: Bei den Autofahrern aus dem Kreis Stade kracht es wesentlich häufiger als im Durchschnitt.

Zum Vergleich: In unseren Nachbarkreisen gelten die wesentlich günstigeren Regionalklassen 1 (Cuxhaven), 2 (Rotenburg) oder 3 (Harburg). Stade hingegen bewegt sich auf Großstadtniveau. Nur Hannover und Wolfsburg liegen mit Klasse 8 höher.

Was Redakteur Dammann ärgert: Er wird für die offenbar risikoreiche Fahrweise der Autofahrer im Kreis Stade zur Kasse gebeten, obwohl er selbst noch nie einen Unfall verursacht hat. Was ihn aber noch mehr ärgert: Sein Kollege zahlt deutlich weniger - nur, weil er im Kreis Rotenburg wohnt: "Der fährt viel schlechter und wird trotzdem belohnt."



"Berechnet wird die Regionalklasse anhand der Schadensbilanz der bundesweit 413 Zulassungsbezirke", erläutert Kathrin Jarosch vom Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Jedes Jahr werten Statistiker im Auftrag des GDV die von den Kfz-Versicherern gemeldeten Zahlen zu den regulierten Unfallschäden aus. Abhängig von der Gesamt-Schadenshöhe erfolgt die Einstufung in die Regionalklassen 1 (günstig) bis 12 (teuer). Eine höhere Regionalklasse bedeutet im Regelfall auch eine höhere Haftpflicht-Police. Allerdings setzt sich der Versicherungsbeitrag auch aus anderen Faktoren zusammen (siehe unten).

31 der 47 Zulassungsbezirke in Niedersachsen sind in die beiden niedrigsten und somit günstigsten Regionalklassen 1 und 2 eingestuft. Das betrifft etwa 70 Prozent aller niedersächsischen Autofahrer. Zu den wenigen Ausreißern nach oben gehört der Landkreis Stade. Er wird seit einigen Jahren kontinuierlich hochgestuft - so 2015 und 2016 gleich zweimal in Folge und zuletzt 2017. Das bedeutet eine Verschlechterung um drei Regionalklassen innerhalb von nur fünf Jahren.

Mit der Regionalklasse 7 bewegt sich die ländliche Region Stade auf gleichem Niveau wie die Städte Wilhelmshaven und Osnabrück. Nur Hannover und Wolfsburg sind mit Klasse 8 noch schlechter eingestuft. Dass sich in den Großstädten mehr Unfälle ereignen, ist nicht verwunderlich. Im Stadtverkehr ist die Verkehrsdichte und damit das "Crash-Risiko" eben höher als auf dem platten Land. Doch warum bewegt sich ausgerechnet der Landkreis Stade auf einer Stufe mit den niedersächsischen Großstädten?

Eine mögliche Erklärung bietet Christian Worms, Sprecher des Marktführers VGH (rund 30 Prozent aller Autos im Landkreis Stade sind bei der VGH versichert): "Es kann sein, dass Berufspendler aus dem Landkreis Stade im unfallträchtigeren Verkehrsraum der Großstadt Hamburg in Unfälle verwickelt werden, ohne dass sie deshalb gleich risikofreudiger oder schlechter fahren als Fahrzeughalter aus Zulassungsbezirken mit niedrigerer Regionalklasse."

Doch ein Blick auf die amtliche Unfallstatistik der Polizei zeigt, dass ein risikoreicher Fahrstil womöglich doch eine Rolle spielen könnte: Die Zahl der Verkehrsunfälle klettert stetig nach oben und steigt im Verhältnis stärker als der Fahrzeugbestand. So ereigneten sich 2017 4.560 polizeilich registrierte Unfälle. Das sind fast 1.000 mehr als im Jahr 2000. Hauptursache ist zu geringer Sicherheitsabstand, gefolgt von überhöhtem Tempo. Das heißt: Autofahrer aus dem Kreis Stade kleben offenbar dichter am Vordermann oder treten das Gaspedal stärker durch als anderswo.

Mehrere Faktoren bei Beitragshöhe

"Die Einstufung in eine bestimmte Regionalklasse ist nur eine Empfehlung unseres Verbandes, an die sich die Versicherungen nicht halten müssen", sagt GDV-Sprecherin Kathrin Jarosch. Das gleiche gelte für die sogenannte Typklasse. Darin sind sämtliche Pkw eingestuft, die auf deutschen Straßen unterwegs sind. Bestimmte Modelle - meist sind es sportliche Fahrzeuge mit reichlich PS-, die häufiger in Unfälle verwickelt sind, erhalten eine höherer Einstufung als eine "Familienkutsche".

Regional- und Typklasse fließen wie einige weitere Faktoren in die Berechnung der Versicherungsbeitrages ein. In die Kalkulation wird beispielsweise noch aufgenommen, wie alt der Halter ist und welchen Beruf er ausübt, wieviel Kilometer jährlich zurückgelegt werden. Ausschlaggebend ist ebenfalls, ob auch ein Fahranfänger hinter dem Steuer sitzt.


Unterschied von 20 Prozent

Was bedeutet die hohe Regionalklasse, in die der Landkreis Stade eingestuft ist, für den Versicherungsnehmer? Wie macht sich das in Euro und Cent bemerkbar? Das WOCHENBLATT hat anhand eines Fahrzeugs, das bei den Deutschen besonders beliebt ist, einmal nachgerechnet: Ausgewählt wurde ein VW Golf VII mit 105 PS und einer jährlichen Fahrleistung von 20.000 Kilometern. Bei einem 40-jährigen Halter, der 20 Jahre unfallfrei gefahren ist (Schadensfreiheitsklasse 20) ergibt sich für den Landkreis Cuxhaven (Regionalklasse 1) in der reiner Haftpflichtversicherung ein Jahresbeitrag von 197,21 Euro. Wer sein Auto im Landkreis Stade (Regionalklasse 7) gemeldet hat, muss 246,53 Euro zahlen. Der Unterschied macht immerhin 20 Prozent aus.