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Elternkritik nach Chemieunfall

Brom muss laut gesetzlicher Unfallversicherung mit dem Warnsymbol „sehr giftig“ gekennzeichnet sein
 
Weigert sich, Fragen des WOCHENBLATT zu beantworten: Schulleiter Johann Book
jd. Harsefeld. Nach dem Brom-Unglück am Harsefelder Gymnasium fragen sich Betroffene, warum kein Alarm ausgelöst wurde. Entwarnung nach dem Chemieunfall am Harsefelder Gymnasium: Auf der Schul-Homepage teilt Direktor Johann Book mit, dass „keine Gefährdung mehr besteht.“ Der Hinweis auf mögliche gesundheitliche Risiken durch den Kontakt mit der hochgiftigen und stark ätzenden Chemikalie Brom ist inzwischen von der Internetseite entfernt. Auch wenn das Unglück offenbar glimpflich ausging, bleibt für viele Betroffene ein mulmiges Gefühl: Bei und nach der Evakuierung der Schule soll laut Aussage von Betroffenen zum Teil ein heilloses Durcheinander geherrscht haben.

„Die Schulleitung war mit der Situation offensichtlich überfordert“, lautet das Fazit einer Mutter, deren Sohn in die Klasse 9 L geht. Diese Klasse hatte Unterricht im Chemieraum, als sich das Unglück ereignete: Dem Chemielehrer fiel eine Flasche mit Brom zu Boden. Rund 100 Milliliter der gefährlichen Flüssigkeit liefen aus, sofort verbreiteten sich gelblich-bräunliche Dämpfe und den Schülern stach ein beißender Geruch in die Nase. Das berichten mehrere Augenzeugen.

Was danach in der Schule ablief, lässt den Schluss zu, dass das Harsefelder Gymnasium nicht ausreichend auf Notfälle dieser Art vorbereitet ist. Nach den Schilderungen von Schülern ging die Evakuierung recht planlos vonstatten. So sollen Schüler vom Pausenhof wieder zurück ins Schulgebäude geschickt worden sein - mit der absurden Begründung, das Gymnasium solle durch den Vordereingang verlassen werden.

Einige Oberstufenschüler wurden offenbar gar nicht benachrichtigt. Ihr Aufenthaltsraum soll über keinen Lautsprecher verfügen, sodass die Jugendlichen von der Durchsage zur Räumung des Gymnasiums nichts mitbekamen. Erst als immer mehr Feuerwehrfahrzeuge anrückten, merkten sie, dass etwas nicht stimmt.

Auch seitens der Rettungskräfte, deren Einsatz nach Ansicht aller Beteiligten vorbildlich verlief, wird leise Kritik an der Schule geübt: „Warum wurde nicht sofort der Evakuierungsalarm wie bei einem Feuer ausgelöst?“, fragt sich ein hochrangiges Mitglied der Feuerwehr. Dieser Alarm werde regelmäßig am Gymnasium geprobt. Alle Klassen hätten dann sofort gewusst, welchen Sammelplatz im Freien sie aufsuchen sollen.

Die Mutter des direkt betroffenen Neuntklässlers ist besonders erbost darüber, dass ihr Sohn und etliche seiner Mitschüler ohne vorherige ärztliche Untersuchung nach Hause geschickt wurden. „Erst zwei Stunden später kam der Anruf, dass wir sämtliche Kleidungsstücke, die unser Sohn in der Schule getragen hatte, mit Gummihandschuhen in einen Plastiksack stopfen und abliefern sollen“, berichtet die Mutter. Die mit Brompartikeln kontaminierten Sachen müssten als Sondermüll entsorgt werden, hieß es am Telefon. Auf eigene Faust organisierte die Mutter gemeinsam mit anderen Eltern der Klasse 9 L eine gründliche Untersuchung ihrer Kinder im Stader Elbe-Klinikum.

Das WOCHENBLATT bat Schulleiter Book um Aufklärung. Die Redaktion legte ihm einen Katalog mit 20 Fragen vor. Statt konkreter Antworten erhielten wir von Book leider nur eine allgemeine Stellungnahme. Er erklärt darin, dass die Schulleitung „adäquat auf den Unfall“ reagiert habe und die Evakuierung zügig verlaufen sei. Zudem bezichtigt Book das WOCHENBLATT der „Fehlinformation“ und der „unseriösen“ Berichterstattung. Für ihn stelle sich „die Frage nach möglichen presserechtlichen Konsequenzen“. Eine unverhohlene Drohung, die sich gegen die kritische Berichterstattung des WOCHENBLATT richtet. So gebärden sich erfahrungsgemäß oft diejenigen, die etwas zu vertuschen haben.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar "Verunsicherung statt Informationen"
sowie den neuesten Beitrag zu diesem Thema: Beißender Geruch in der Nase