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Gaunereien mit Gutscheinen

Miese Geschäftemacher nutzen Not der Flüchtlinge aus.

Asylbewerber erhalten einen Großteil ihrer monatlichen Sozialleistungen in Form von Wertgutscheinen, die sie in bestimmten Läden einlösen können. Durch das Prinzip "Gutschein statt Geld" komme Hilfe zielgerichteter an, erklären die Behörden. So dürfen mit den Wertbons beispielsweise kein Alkohol oder Tabak erworben werden. Doch die Praxis sieht offenbar anders aus: Nach WOCHENBLATT-Recherchen verdienen an den Gutscheinen vor allem unseriöse Geschäftemacher, die die finanzielle Not der Flüchtlinge schamlos ausnutzen.
Es soll im Landkreis Stade einen schwunghaften Tauschhandel mit Gutscheinen geben. Das bestätigten Asylbewerber unabhängig voneinander. Dabei geht es allerdings nicht - wie das WOCHENBLATT kürzlich anlässlich einer geplanten Hilfs-Aktion in Harsefeld berichtet hat - um einen fairen Eintausch im Verhältnis 1:1, sondern um fiesen Betrug. Wenn die Berichte der Flüchtlinge zutreffen, gibt es offenbar in Stade und Buxtehude dubiose Händler, die Gutscheine des Sozialamtes entgegennehmen, ohne dafür - wie vorgeschrieben - Ware auszugeben.

Gewinn beim Gutschein-Tausch

Diese Gutschein-Gauner wechseln die Wertbons der Asylbewerber verbotenerweise gegen Bargeld ein - und das zu einem denkbar miesen Kurs: Die Quote soll je nach Händler zwischen 10:6 und 10:7 liegen. Das bedeutet: Wer Gutscheine im Nennwert von 100 Euro illegal eintauscht, bekommt im günstigsten Fall 70 Euro in bar ausgezahlt.
"Der Verlust ist vielen egal. Hauptsache, sie kommen an Bargeld", berichtet Asylbewerber Khalil Z., der selbst ab und an einen der Händler aufsucht. Von dem eingewechselten Geld bezahlt er beispielsweise den Anwalt, der ihn im Asylverfahren vertritt, oder er kauft sich Sachen, die auf Gutschein nicht erhältlich sind.
Es ist davon auszugehen, dass ein Großteil der Asylbewerber im Landkreis es ähnlich macht wie Khalil Z. Damit wird das Hauptargument für die Weigerung, Sozialleistungen in Form von Bargeld auszuzahlen, nämlich die Vorbeugung vor Missbrauch, zur Farce. Die Behörden finanzieren mit dem Gutschein-System einen florierenden Schwarzmarkt. Steuergelder, die eigentlich dazu gedacht sind, die ärgste Not bei hilfebedürftigen Menschen zu lindern, versickern in dunklen Kanälen.

Sozialdezernentin: "Das ist kriminell."

Empört zeigte sich denn auch Kreis-Sozialdezernentin Susannne Brahmst, als das WOCHENBLATT sie auf den illegalen Gutschein-Tausch aufmerksam machte. "Das sind kriminelle Machenschaften", erregte sich die Behördenchefin. Brahmsts Unmut ist verständlich: Es ist damit zu rechnen, dass von den rund 480.000 Euro, die der Landkreis in diesem Jahr für Sozialleistungen in Form von Wertgutscheinen aufgewendet hat, bis zu 20.000 Euro als illegaler Gewinn von betrügerischen Händlern eingestrichen werden.
Der Konzern Sodexo, der die Gutscheine herstellt und dafür sowohl vom Landkreis als auch von seinen Vertragshändlern fette Provisionen bei der Abrechnung kassiert, will von illegalen Machenschaften größeren Ausmaßes nichts wissen: "Es besteht aus unserer Sicht ein zu vernachlässigendes Missbrauchsrisiko", erklärte das Unternehmen auf WOCHENBLATT-Nachfrage. Man verweist auf die Vorteile der Gutscheine: Ihre "Einlösebindung" an Güter wie Nahrung oder Kleidung gewährleiste "einen zielgerichteten Mittelfluss".
Der schwunghafte Tauschhandel im Landkreis zeigt allerdings, dass zumindest ein Teil des Geldes nicht am richtigen Ziel ankommt.