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Keine Frau als Schützenkönig: Kleiner Verein mischt Schützenwelt auf

Sind Frauen im Schützenverein eher schmückendes Beiwerk oder wirklich gleichberechtigt?
jd/bim. Harsefeld. Auf der Stader Geest ist die heile Schützenwelt ein wenig aus den Fugen geraten. Dort stellt der jüngste der fünf Schützenvereine in der Samtgemeinde Harsefeld ein ehernes Prinzip in Frage, das da lautet: Die allerhöchste Würde, den Titel des Samtgemeinde-Königs, darf nur ein Mann bekleiden. Diese Regelung hält der 1996 gegründete Issendorfer Schützenverein, in dem der Königstitel geschlechtsneutral ausgeschossen wird, für überholt. Die Issendorfer verlangen, dass ihre amtierende Königin ebenfalls auf die Samtgemeinde-Königsscheibe anlegen darf. Eine Frau als „Samtgemeinde-König“? Das geht den anderen vier Vereinen zu weit: Sie verteidigen standhaft diese letzte Männerbastion.
„Jeder Schützenverein muss sich die Frage stellen, wie modern er sein will - und wir denken da etwas liberaler“, sagt die Issendorfer Vereinsvorsitzende Melanie Mohnen: „Dazu gehört auch, dass die höchste Würde sowohl von einem Mann als auch von einer Frau bekleidet werden kann.“ Anders als bei den meisten Schützenvereinen, schießen in Issendorf Männer und Frauen gleichberechtigt auf die Königs-Scheibe.
„Wir alteingesessenen Schützenvereine haben ein gewisses Traditionsverständnis und halten von solch einer Neuerung nichts“, hält Ramona Grotzke, Präsidentin der Harsefelder Schützen, dagegen: „Die vier Vereine aus Harsefeld, Ahlerstedt, Kakerbeck und Brest haben beschlossen, dass die höchste Würde in der Samtgemeinde den Männern vorbehalten bleibt.“ Um die Issendorfer nicht zu benachteiligen, sei vor zwei Jahren eigens der Titel einer Samtgemeinde-Königin eingeführt worden, so Grotzke: „Bei diesem Schießen treten die höchsten Damen-Würdenträgerinnen an.“ Wenn in Issendorf gerade eine Königin regiere, dann gehöre sie in diesen Wettkampf. Ein entsprechender Beschluss sei jetzt von den vier „Traditionsvereinen“ gefasst worden.
Nach dieser Entscheidung haben sich die Issendorfer komplett aus dem Schießen der Samtgemeinde-Würdenträger zurückgezogen: Dieser Boykott gelte, solange die Issendorfer Königin aufgrund ihres Geschlechts beim Wettbewerb um die Samtgemeinde-Königswürde ausgeschlossen werde, so Mohnen. Eine solche Regelung sei diskriminierend: „Unserem Verein ist die Gleichberechtigung so wichtig, dass wir dafür gerne auf diesen Wettkampf verzichten.“

• Einige Beispiele aus dem Landkreis Harburg, in denen Männer und Frauen in Schützenvereinen gleichberechtigt sind:
• Beim Schützenverein Königsmoor regierte 2012/13 Königin Marie-Theres Maras, die bisher einzige Königin im Verein. Sie errang darüber hinaus die Würde des „Königs der Könige“. „Wir hatten auch schon einen weiblichen Vizekönig“, so Präsident Rüdiger Maras. „Unser Verein ist noch recht jung, wurde 1969 gegründet. Von Beginn an sind Männer und Frauen bei uns gleichberechtigt. Eine Satzungsänderung war von daher nicht nötig. Die Königswürde war zwar zuvor eine unangefochtene Männerdomäne. Aber bei schrumpfenden Mitgliederzahlen oder wenn es keine Männer gibt, die um die Königswürde kämpfen, kommt man um die Flexibilität nicht herum“, sagt Rüdiger Maras. Frauen zahlen den gleichen Beitrag und hätten von daher die gleichen Rechte und Pflichten. Theoretisch könnte auch ein Mann die Würde der Besten Dame erringen. „Das konnten wir bislang aber noch mit Damen besetzen.“
• Dass Frauen die Königswürde erringen, ist auch beim Schützenverein Nenndorf selbstverständlich. Dort gab es bereits drei Königinnen. „Die Frauen zahlen den vollen Beitrag, da haben wir es vor rund 17 Jahren eingeführt, dass sie auch um die Königswürde schießen dürfen“, berichtet Präsident Karl-Heinz Wohlgemuth. Und die Königinnen seien ebenso würdige Repräsentantinnen.
• „Ich denke, bei der Mehrzahl der Vereine sind die Frauen gleichberechtigt, denn sie können Damenkönigin oder Damenbeste werden. Diese Würde dürfen in der Regel die Männer nicht ausschießen“, sagt Reinhard Pape, Präsident des Schützenverbandes Nordheide und Elbmarsch, dem rund 57 Schützenvereine angeschlossen sind. Wie das gehandhabt werde, sei in den Vereinen unterschiedlich geregelt. Es gebe Vereine, in denen den Frauen bestimmte Würdentitel verwehrt seien, weil sie nicht als vollwertige Mitglieder zählten, etwa durch geringeren Mitgliedsbeitrag. Es gebe aber auch Vereine, in denen die weiblichen Mitglieder gar nicht an allen Wettbewerben teilnehmen wollten. Vielfach sei die Gleichberechtigung insofern gewährleistet, dass Frauen in den Vorstand gewählt werden können.

• Liebe Leserinnen, liebe Leser: Was halten Sie von dem Standpunkt, dass nur ein Mann die Königswürde erringen darf? Teilen Sie uns Ihre Meinung mit per E-Mail an:
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„Nicht böses Blut schüren“
„Trotz der Differenzen beim Thema ‚Samtgemeinde-König‘ legen wir weiterhin Wert auf eine gutes Miteinander mit den anderen Schützenvereinen“, betont Melanie Mohnen. Das gelte sowohl für die Sportschützen-Wettkämpfe als auch für die gemeinsamen Feiern: „Von dieser Sache lassen wir uns nicht unseren Spaß am Besuch der Schützenfeste trüben. Es ist nicht unser Ziel, hier böses Blut zu schüren.“

Veraltete Prinzipien

Immer mehr Schützenvereine haben das Problem, dass sich niemand findet, der um die Königswürde schießen will. Fragt man nach, warum trotzdem nicht auch Frauen um den Titel kämpfen dürfen, wird in den meisten Fällen geradezu reflexartig abgewunken. Als sei es schlicht undenkbar, dass eine Frau Schützenkönigin wird. Quasi evolutionär nicht vorgesehen. Also besser kein König als eine Frau? Anscheinend ja. Dass in der Schützenjugend häufig besonders die Mädchen mit guten Leistungen glänzen - geschenkt. Dabei scheint der Posten des Schützenkönigs - diese letzte Bastion der Männlichkeit - gar nicht so attraktiv zu sein. Warum sonst findet die Königskette immer häufiger keinen Hals, um den sie gelegt werden kann? Dass die Vereine trotzdem am Prinzip „Men only“ festhalten, ist in meinen Augen reaktionär. Wir haben eine Bundeskanzlerin und eine Verteidigungsministerin, die Frauenquote sorgt für mehr weibliche Führungskräfte, Weltfrauentag sowie „Equal Pay Day“ erinnern jedes Jahr an die Notwendigkeit der Gleichberechtigung. Da sollten auch die Schützenvereine mit der Zeit gehen. Hinzukommt: In Zeiten des Nachwuchsmangels und der immer geringer werdenden Bereitschaft, sich in Vereinen zu engagieren, muss man froh um jedes Mitglied sein, das bereit ist, Verantwortung zu übernehmen. Das Geschlecht sollte dabei keine Rolle spielen. Katja Bendig

Auch mal Traditionen bewahren

Es gibt einen Begriff, der mir beim Thema Schützenverein sofort in den Sinn kommt: Tradition. Doch dieses Wort ist in unserem Hochgeschwindigkeits-Zeitalter, in dem eine gesellschaftliche Veränderung die nächste jagt, ja höchst verpönt. Wer Traditionen bewahren will, gilt als Reaktionär. Kein Wunder, dass auch Schützenvereine als antiquiert abgestempelt werden - nur weil sie ihr Fähnchen nicht in den Wind des Zeitgeistes hängen.
Und wer jetzt mit dem dem ganzen Brimborium von Gleichberechtigung kommt und dabei Emanzipation und Tradition als Gegenpole darstellt, liegt total daneben: Zwei der im Artikel erwähnten „Traditionsvereine“ werden von Frauen geführt. Die Emanzipation ist also in diesen Schützenvereinen längst angekommen.
Vielleicht sollte einmal darüber nachgedacht werden, ob nicht gerade in unserer schnelllebigen Zeit gewisse Konstanten wichtig sind. Selbst junge Menschen haben oftmals ein Bedürfnis, sich an klassischen Werten zu orientieren. Dazu zählt für mich insbesondere im ländlichen Raum die Schützentradition mit ihren von Generation zu Generation überlieferten Regeln.
Das ist ähnlich wie bei der Kirche: Auch dort werden bewusst Traditionen gelebt, um der allgemeinen Beliebigkeit etwas Verbindliches entgegenzustellen. Und mal ehrlich: Niemand kritisiert ernsthaft, dass nur ein Mann Papst sein darf. Jörg Dammann