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Vergessene Orte: Das WOCHENBLATT startet mit der Serie "Lost Place" / Teil 1: Die "Tonwerke Günther & Co." in Harsefeld

Die Reste der Harsefelder Ziegelei: Brennofen und Gebäudereste (li.) sowie Trockenschuppen und Laderampe (re.). In Dänemark spürte WOCHENBLATT-Redakteur Jörg Dammann eine intakte Ziegelei auf - inklusive Dränrohre (Fotos Mitte)
 
Die Harsefelder Ziegelei auf einem alten Foto (Foto: Archiv des Vereins für Kloster- und Heimatgeschichte Harsefeld)
(jd). Welkende Blumen, fallende Blätter - gerade im Herbst wird uns wieder vor Augen geführt, wie vergänglich alles Sein ist. Auch was von Menschenhand erschaffen wird, ist nicht von Ewigkeit. Viele Bauwerke verschwinden nicht gleich spurlos, sondern verfallen nach und nach. Manche liegen abseits der Wege, an anderen fährt man täglich vorbei. Diese Plätze werden als "Lost Places" bezeichnet: Vergessene Orte, für die sich kein Historiker interessiert, weil sie zu unbedeutend sein. Das WOCHENBLATT hat einige "Lost Places" im Kreis Stade aufgespürt und stellt sie im Rahmen einer Serie vor.

Bei den "Lost Places" scheint die Zeit stehen geblieben zu sein: Die ursprüngliche Nutzung der meisten "Lost Places" lässt sich oftmals nur noch erahnen. Manche sind hingegen noch intakt, werden heute aber zu ganz anderen Zwecken verwendet. Ein "Lost Place" besitzt den Charme des Morbiden: Der Verfall verbreitetet eine ganz besondere Atmosphäre. Vergangenheit ist irgendwie gegenwärtig und gedanklich malt sich der Betrachter aus, wie es dort wohl früher ausgesehen hat. Zum Auftakt der Serie ist WOCHENBLATT-Redakteur Jörg Dammann auf Spurensuche in Harsefeld:


(jd). Das Ziel liegt verborgen in einem Wäldchen bei Harsefeld. Dort soll früher eine Ziegelei gestanden haben: die 1903 gegründeten "Tonwerke Günther & Co." "Das Areal umfasst reichlich 42 Morgen", heißt es in alten Aufzeichnungen. Das sind mehr als zehn Hektar, doch von Fabrikgebäuden ist weit und breit nichts zu sehen. Sind etwa alle Spuren verschwunden? Trotz eines Verbotsschildes wage ich mich auf das Grundstück.

Der Holperweg führt zu einem Häuschen am Waldesrand. Mit dem Bewohner komme ich ins Gespräch: Er hat das Gelände seit mehr als 30 Jahren gepachtet, betrieb dort eine Hobby-Landwirtschaft. Als er kam, stand die Ziegelei weitgehend noch, doch den Schornstein und die baufälligen Hauptgebäude musste er abreißen - aus Sicherheitsgründen.

Zufällig ist der Sohn zu Besuch: Er nimmt mich mit auf Entdeckungstour durchs Dickicht. Und dann stehe ich vor den Überresten der Ziegelei.
Am besten erhalten ist der alte Trockenschuppen, auch wenn er mit seinen schiefen Balken so wirkt, als würde er beim nächsten Windhauch zusammenstürzen. In ihm wurde den rohen Ziegeln Feuchtigkeit entzogen, bevor sie zum Brennen in den sogenannten Ringofen kamen. Von dem ist noch ein kleiner Teil des gemauerten Gewölbes zu erkennen. Die Natur hat das Gelände längst zurückerobert. Überall auf den Mauerresten wuchern Sträucher und Bäume. Für ihn und seine Freunde sei das früher ein toller Abenteuerspielplatz gewesen, berichtet der junge Mann.

Noch ein paar Sätze zur Geschichte der Ziegelei: Im Harsefelder Archiv findet sich kaum etwas, doch ich habe Glück: Einer der Ehrenamtlichen ist mit einer Urenkelin des Ziegelei-Gründers Friedrich Günther verheiratet. Sie hat noch alte Zeitungsartikel aus den 1960er Jahren verwahrt. Darin wird über einen Eigentümerwechsel berichtet: Das Harsefelder Tonwerk sei ein "moderner Betrieb", in dem monatlich rund 150.000 sogenannte Dränrohre für die Kanalisation produziert werden.

Doch billige Kunststoffrohre graben der Harsefelder Ziegelei das Wasser ab: Die tönernen Drainage-Leitungen finden keine Abnehmer mehr. Der letzte Eigentümer entschließt sich 1972, die Ziegelei stillzulegen und zu verkaufen. "Ich habe damals das Angebot erhalten, bei Sittensen die größte Ziegelei Europas aufzubauen", berichtet der 75-jährige Ziegelei-Ingenieur. Bevor er den rund 15 Mitarbeitern kündigte und die Werkstüren für immer schloss, zog er noch einen "dicken Fisch" an Land: Von den Aluminium-Werken, die gerade in Bützfleth neu entstanden, kam ein Auftrag über 300.000 Ziegelsteine für die Außenwände der Schmelzanlage.

Dann der Abgesang: Der Vater der jetzigen Eigentümerin kaufte die Ziegelei auf Abbruch. Er war lediglich an der weiteren Nutzung der Tonkuhle interessiert - für seine eigene Ziegelei, die sich in Barnkrug befand. Die Tonkuhle ist jetzt Angelgewässer.

Übrigens: Wie die Ziegelei einst ausgesehen hat, kann ich mir nun besser vorstellen. Auf einer Stippvisite in Dänemark entdeckte ich kürzlich eine Museums-Ziegelei. Dort ist noch alles im Zustand wie vor 100 Jahren.


• Wo gibt es noch weitere "Lost Places" im Kreis Stade? Wenn Sie Tipps haben, liebe Leser, wenden Sie sich per Mail an die Redaktion: red-bux@kreiszeitung.net