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War das die teuerste Chemiestunde Deutschlands? Bromunfall am Harsefelder Gymnasium kostet mehr als 70.000 Euro

Bei einem Chemieunfall müssen die Einsatzkräfte wie bei dieser Übung spezielle Schutzkleidung tragen
jd. Harsefeld. Ein Medienraum mit allerfeinster Ausstattung, vier Klassensätze Notebooks, 2.000 Bücher für die Schulbibliothek... Eine Schule könnte sich für 72.000 Euro allerlei nützliche Dinge anschaffen. Doch dieser Betrag geht für die wohl teuerste Unterrichtsstunde Deutschlands drauf: So hoch ist nach ersten Schätzungen des Landkreises die Schadenssumme, die der Bromunfall am Aue-Geest-Gymnasium in Harsefeld verursacht hat (das WOCHENBLATT berichtete). Damit geht die Chemiestunde, in der dem Lehrer Martin F.* das Fläschchen mit der hochgiftigen Chemikalie aus der Hand fiel, richtig ins Geld. Vor allem für den Pädagogen kann es eine teure Lektion werden: Sollte ihm grobe Fahrlässigkeit beim Hantieren mit dem Gefahrstoff nachgewiesen werden, muss er mit Regressforderungen rechnen.

"Die Kosten für die Beseitigung des Bromschadens am Gebäude werden sich voraussichtlich auf bis zu 50.000 Euro belaufen", teilte Kreissprecher Christian Schmidt auf Anfrage mit. Hinzu kämen die Schadensersatzansprüche der 23 Schüler, die zum Unglückszeitpunkt im Unterricht saßen. Ihre komplette Kleidung sowie ein Großteil ihrer Schulsachen und Wertgegenstände wie etwa Handys wurden durch die Bromdämpfe kontaminiert und mussten vernichtet werden. Diese Forderungen schlagen mit 22.000 Euro zu Buche.

Allein die Samtgemeinde Harsefeld beziffert die Kosten für die drei am Einsatz beteiligten Ortswehren in einem groben Überschlag auf rund 20.000 Euro. Mehr als Dreiviertel dieser Summe macht die Ersatzbeschaffung von Einsatzkleidung und Material aus. "Wir mussten sechs komplette Ausrüstungen entsorgen - vom Stiefel bis zum Helm", erklärt der zuständige Sachgebietsleiter Harald Polter.

Der Rest in Höhe von 4.500 Euro werde dem Landkreis - dieser ist Schulträger des Gymnasiums - für die abgeleisteten Stunden vor Ort in Rechnung gestellt. Diese Gebühren werden nur erhoben, wenn ein Brand oder Unfall durch grob fahrlässiges Handeln verursacht wird. Davon wird beim Bromunfall offenbar ausgegangen, denn sonst würden diese Einsatzkosten nicht auf der Abrechnung auftauchen.

Dem Lehrer F. droht damit richtig Ungemach: Die Landesschulbehörde will nach Auskunft ihrer Sprecherin Susanne Strätz "sorgfältig prüfen, ob ein Regress gegen die Lehrkraft in Betracht kommt", sofern "das Land Niedersachsen für Schäden in Anspruch genommen werden sollte." Davon ist allerdings auszugehen, denn der Landkreis hat angekündigt, sämtliche Kosten von der Landesschulbehörde zurückzufordern. Die Begründung: Der Unfall habe sich während des Unterrichts ereignet und das Land Niedersachsen sei als Arbeitgeber des Lehrers F. haftbar. Laut Kreissprecher Schmidt sind die Schadensersatzansprüche der Schüler bereits ans Land weitergeleitet worden.

Die Landesschulbehörde sieht das jedoch anders: Der Landkreis könne "kein Anspruch gegen das Land haben, da Schulträger und Land gemeinsam beim Betrieb der Schule tätig sind", erklärte Sprecherin Strätz. Nach ihrer Auffassung ist für das beschädigte Eigentum der Schüler die Versicherung des Schulträgers, der sogenannte "kommunale Schadensausgleich", zuständig.
Eines steht fest: Weder das Land noch der Landkreis wollen auf den Kosten sitzen bleiben. Doch bis die Sache endgültig geklärt ist, werden wohl noch einige Wochen, wenn nicht sogar Monate ins Land gehen. Die Gekniffenen sind die Betroffenen: Solange mit ihnen Behörden-Pingpong gespielt wird, sehen sie keinen Cent.


* Name v. d. Red. geändert


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