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Laienrichter gesucht

Erwin Cordes aus Harsefeld ist seit 1993 mit einer Unterbrechung Schöffe am Landgericht Stade
(bc). Im Namen des Volkes ergehen die Urteile an deutschen Gerichten. Schöffen sind das Volk am Richtertisch. Sie sollen dafür sorgen, dass sich Urteile nicht nur an Paragrafen orientieren. Derzeit suchen Kommunen wieder landauf landab neue Laienrichter. Was viele nicht wissen: Die Stimme eines Schöffen zählt genauso viel wie die eines Berufsrichters.

Erwin Cordes (68) aus Harsefeld ist seit 1993 mit einer Unterbrechung Hauptschöffe am Landgericht Stade. Das WOCHENBLATT sprach mit ihm über Urteilsfindungen, Rechte und Pflichten von Laienrichtern.

"Schöffe zu sein, bedeutet ein hohes Maß an Verantwortung", erzählt der Rentner. Theoretisch können zwei Schöffen einen Berufsrichter überstimmen. Sie wirken mit, wenn Mitbürger verurteilt oder freigesprochen werden. Sie tragen die Mitverantwortung dafür, ob jemand wegen einer Straftat zu einer Geld- oder zu einer Freiheitsstrafe verurteilt wird. Schuldig oder nicht schuldig? Freiheit oder Knast? Eine weitreichende Entscheidung für den Angeklagten.

Ehrenamtliche Schöffen und hauptamtliche Richter müssen nicht einer Meinung sein. Ein Urteil ist mitunter auch ein Kompromiss. Schöffen dürfen ihr Strafmaß vor den Berufsrichtern nennen. So soll sichergestellt werden, dass sie unbefangen ihre Meinung sagen.

"Es kam schon vor, dass ich meine Bedenken geäußert habe, ob die Urteilsfindung des Richters richtig war", sagt Erwin Cordes. Zur Not müsse nachverhandelt werden. Schöffen dürfen während des Prozesses auch Fragen stellen. Cordes: "Ich muss die Fragen vorher nicht absprechen."

Der frühere Versicherungsangestellte erhält am Ende eines Jahres eine Liste mit 14 Gerichtsterminen für das Folgejahr. Was an diesen 14 Tagen konkret verhandelt wird, erfährt ein Schöffe erst am Verhandlungstag. Teilweise werden langwierige Prozesse über mehrere Tage geführt - die Schöffen bleiben die gleichen. Erwin Cordes war z.B. beim spektakulären Brautkleid-Mörder-Prozess Ende der 90er Jahre dabei. Die 24-jährige Nina B. hatte per Zeitungsannonce ein Brautkleid angeboten. Fritjof L. täuschte Interesse vor und tötete sein Opfer nach einem Mordplan, den er bereits Jahre zuvor niedergeschrieben hatte.

Wer Lust hat, sich für die nächste Wahlperiode 2014 bis 2018 zum Schöffen wählen zu lassen, sollte sich mit seiner jeweiligen Gemeinde- oder Stadtverwaltung in Verbindung setzen. Eine juristische Vorbildung ist nicht erforderlich.

• Grundsätzlich kann jeder Deutsche Schöffe werden, wenn er zwischen 25 und 70 Jahre alt und gesundheitlich geeignet ist. Er darf nicht insolvent und nicht vorbestraft sein mit einer Freiheitsstrafe von mehr als sechs Monaten. Schöffen erhalten eine Aufwandsentschädigung. Arbeitgeber sind verpflichtet, Schöffen für die Sitzungen freizustellen.