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"Blick über den Tellerrand" - Hanna Tipke gab über 40 Jahren Deutschunterricht für Ausländer

Zum Abschied aus ihrem Berufsleben, feierte Hanna Tipke (Mitte) auch mit den Teilnehmern ihres letzten Kurses ein Sommerfest (Foto: roe)
 
Hanna Tipkes großes Hobby ist der Garten: Von ihren Schülern erhielt sie diese Hortensie als Geschenk
mi. Buchholz. Wenn Hanna Tipke (66) aus Buchholz Ende des Sommers in den Ruhestand geht, könnte sie ein Buch als Beitrag zur Integrationsdebatte schreiben - es wäre sicher eine Bereicherung. Ihr gesamtes Berufsleben - mehr als 40 Jahre - hat die studierte Pädagogin in verschiedenen Institutionen Deutsch als Fremdsprache unterrichtet. Davon allein 22 Jahre an der Kreisvolkshochschule des Landkreises Harburg. Ihr wesentlicher Antrieb: der kulturelle Austausch.
Es begann schlicht mit Nachhilfe. Als junge Pädagogik-Studentin wollte Hanna Tipke Praxisluft schnuppern. Sie begann, Gastarbeiterkindern bei den Hausaufgaben zu helfen. Am Ende des Studiums, Lehrerstellen waren damals rar gesät, spezialisierte sie sich in der Erwachsenenbildung auf Deutsch als Fremdsprache. „Ich war eine klassische Quereinsteigerin“, sagt Hanna Tipke.
Sie hat in ihrem Berufsleben quasi alle Einwanderungsbewegungen nach Deutschland miterlebt. Sie unterrichtete Gastarbeiterkinder genauso wie Migranten, die vor dem Pinochet-Regime aus Chile geflohen waren, auch die Frauen türkischer Einwanderer und immer wieder Au-pairs. In den 1990er Jahren dann Flüchtlinge aus dem von Kriegen zerrissenen Vielvölkerstaat Jugoslawien und später die Geflüchteten aus Syrien, Afrika und anderen wirtschaftlichen und politischen Krisenherden der Welt.
Die Unterrichtsarbeit war für Hanna Tipke immer auch ein Stück weit Beziehungsarbeit. Sie sah sich als Bezugsperson. „Meine Schüler sind mit Problemen zu mir gekommen, manche haben auch einfach nur nach mütterlicher Wärme gesucht.“ Eine zu große Distanz im Unterricht sei für sie nie infrage gekommen. „Ich habe mich als kulturelle Botschafterin verstanden, das funktioniert aber nicht, wenn man immer peinlich genau darauf Bedacht ist, Distanz zu wahren“, sagt Hanna Tipke. Regelmäßiger Austausch gehörte für sie dazu. Besonderer Höhepunkt am Ende jedes Kurses war ein großes Sommerfest, zu dem jeder Schüler etwas aus seinem Kulturkreis beisteuerte.
Hanna Tipke ist überzeugt: Wer seine eigne Kultur vermitteln will, muss sich auf die des anderen einlassen. „Ich habe im Laufe meines Berufslebens gelernt: Es gibt viele unterschiedliche Wege, Dinge zu betrachten. Wir regen uns darüber auf, dass die Bahn ständig zu spät kommt, viele meiner Schüler dagegen sind begeistert von der Pünktlichkeit unserer Züge und Busse. Es ist alles eine Frage des Standpunkts.“ Den eigenen Standpunkt ab und an zu überdenken, das wäre auch wichtig für den Umgang mit fremden Kulturen in Deutschland. Hanna Tipke: „Nehmen wir das Beispiel Kopftuch, es wird hochstilisiert zum Symbol für Unterdrückung und Rückständigkeit schlechthin. Ich habe in meinen Sprachkursen schon diverse selbstbewusste, ja karriereorientierte Frauen kennengelernt, die das Kopftuch tragen, weil es für sie dazu gehört. Und mal ehrlich: Es ist noch nicht lange her, da trugen auch bei uns viele Frauen im Alltag ein Kopftuch. Es ist auch noch nicht lange her, da duften Frauen bei uns kein eigenes Konto haben - vom Frauenbild der wilhelminischen Zeit wollen wir mal gar nicht anfangen. Wir tun gerade so, als seien wir schon immer eine so offene Gesellschaft gewesen, wie wir es heute gerne sein möchten.“
Sie selbst habe durch ihre langjährige Arbeit häufig ganz praktisch erfahren, dass der eigene Weg nicht immer der Königsweg ist. Regte sie sich anfangs noch über die „Unsitte“ auf, dass auf türkischen Hochzeiten die Eltern ihre Babys, anstatt sie ins Bett zu stecken, einfach auf der Feier schlafen ließen, machte sie es später mit ihren Kinder genauso. Ähnlich beim Unterricht: Als dort einmal ihre kleine Tochter, die im Nebenzimmer betreut wurde, schrie, ignorierte sie das. Für die Klasse ein „Unding“, sie brachten ihr das Kind - die junge Lehrerin unterrichtete dann mit Baby auf dem Arm zu Ende. „Man stelle sich das bei Deutschen vor.“
Hanna Tipke: „Es sind die kleinen Kulturclashes, dieser Blick über den eignen Tellerrand hinaus, der meine Arbeit so spannend und erfüllend gemacht hat.“ Und aus denen wir alle eine Menge lernen könnten, ließe sich hinzufügen.