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Steinernde Relikte aus der Blütezeit der Eisenbahn - Viadukte bei Hollenstedt unter Denkmalschutz gestellt

Blick in die Gegenwart: Durch den Bogen des alten Viadukts ist die moderne Estebrücke der A1 zu erkennen
 
So sah das Viadukt in Hollenstedt einmal aus
mi. Hollenstedt. Bei Hollenstedt und dem Dorf Staersbeck überspannen gigantische bis zu 18 Meter hohe, gemauerte Brückenbögen die Este und den kleinen Bach Staersbeck. Keine Straße, keine Schiene führt über sie hinweg. Wie Teile eines nie vollendeten Bauprojekts stehen sie mitten in der Landschaft. Diese Viadukte sind heute nicht nur ein Kuriosum, sie sind auch steinerne Zeugen aus der Blütezeit der Eisenbahn. Jetzt hat sie der Landkreis Harburg unter Denkmalschutz gestellt.
Vor Beginn des Autozeitalters war die Eisenbahn das wichtigste Transportmittel. Ein engmaschiges Schienennetz umspannte noch bis in die 1960er Jahre auch den Landkreis Harburg. Eine dieser Strecken war die Bahnverbindung Buchholz-Bremervörde.
Lutz Hauschild und Dr. Berthold Homann vom örtlichen Heimat- und Verkehrsverein haben sich intensiv mit der Historie der Eisenbahnlinie beschäftigt: Gebaut wurde die Strecke am Ende des 19. Jahrhunderts. In nur drei Jahren wurden auf rund 57 Kilometern Schienen verlegt. Architektonisches Meisterwerk sind dabei die drei Viadukte, die Este und Staersbeck überspannen. Allein für die Aufschüttung des Damms am Viadukt bei Hollenstedt wurden 90.000 Kubikmeter Boden bewegt. Das Bauwerk wurde dann in der - für heutige Verhältnisse - erstaunlichen Zeit von nur einem dreiviertel Jahr errichtet. Bemerkenswert: Weil im bäuerlich geprägten Bauumfeld Arbeitskräfte knapp waren, kamen schon damals Gastarbeiter aus Italien zum Einsatz. Während der dreijährigen Bauzeit verloren zwei Bauarbeiter ihr Leben.
Nach Fertigstellung im Jahr 1902 entwickelte sich die neue Bahnverbindung schnell zur wirtschaftlichen Schlagader der Region. Rüben, Zucker und Schlachtvieh aus der örtlichen Landwirtschaft konnten nun kostengünstiger als vorher zu den Absatzmärkten in den Ballungszentren transportiert werden. Auch der Personenverkehr nahm stetig zu: Wurden 1905 nur 9.000 Fahrgäste am Bahnhof in Hollenstedt registriert, waren es 1935 schon 35.000. Das Aus kam 1968 mit der beginnenden Elektrifizierung der Bahn. Dafür war die Stecke zwischen Buchholz und Hollenstedt nicht geeignet. Wenig später war auch für die Verbindung Hollenstedt-Bremervörde Schluss. Bis im Jahr 2008 die Gleise entfernt wurden, gab es immer wieder Pläne für eine Nachnutzung, u.a. war ein Draisinenverkehr als Freizeitangebot im Gespräch.
Heute wird der alte Bahndamm verbotenerweise von Motocrossfahrern als Parcours missbraucht. Die Viadukte ziert zweifelhafte Graffitikunst.
Für Wolfgang Küchenmeister, Denkmalpfleger beim Landkreis Harburg, ein trauriges Bild: „Die Viadukte sind nicht nur optisch beeindruckend, sondern auch technikgeschichtlich sehr interessant.“ Das gelte sowohl für die Rundbogenform als auch für die Herstellung als komplett aus Ziegeln gemauertes Bauwerk. Deswegen habe der Kreis sie auch unter Denkmalschutz gestellt. Zuständig für den Erhalt sei allerdings die Eisenbahngesellschaft, in deren Besitz die Bauwerke bis heute stehen. Eingreifen müsse der Landkreis erst, wenn die Standfestigkeit nicht mehr gegeben sei. Ob man den Eigentümer dann zum Handeln verpflichten könne, sei jedoch fraglich.
Für Lutz Hauschild unverständlich: „Noch sind die Schäden gering. Warum greift man nicht jetzt ein?“, fragt er. Laut dem Heimatforscher ließen sich die Viadukte sogar noch sinnvoll nutzen. Zum Beispiel könnte ein Wanderweg über den alten Bahndamm geführt werden. Hauschild: „Lässt man die Viadukte einfach weiter vor sich hin rotten, werden diese Relikte aus den Kindertagen der Mobilitätsgesellschaft irgendwann aus der Landschaft verschwunden sein und damit auch ein Stück Landkreis- Geschichte.“