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Vertuschte Deponie: Der Müll liegt nur einen Meter unter der Erde

Gut 150 Quadratmeter ist die Altlast bei Regesbostel groß
 
Die Altlast liegt ausgerechnet unter einem Spielplatz
mi. Hollenstedt. Es ist schon jetzt ein handfester Umweltskandal. Wie das WOCHENBLATT aufdeckte, wurde im kleinen Ort Rahmstorf (Samtgemeinde Hollenstedt) die Existenz einer alten Hausmülldeponie offenbar jahrzehntelang vertuscht.
„Betreten verboten“ steht auf den Schildern rund um den mit Flatterband abgesperrten Spiel- und Bolzplatz in der Straße „Zum Sand“ in Rahmstorf. Der Grund: In nur einem Meter Tiefe unter dem grünen Rasen liegt diverser Haus- und Gewerbemüll. Wie Untersuchungen des Landkreises Harburg jetzt bestätigen, befand sich auf der Fläche von 1945 bis ins Jahr 1981 eine Mülldeponie. Das ist zunächst nichts Besonderes, rund 250 solcher und größerer Altlasten gibt es im Kreisgebiet. Doch von der Müllkippe in Rahmstorf war dem Kreis bisher nichts bekannt. Über 20 Jahre schwiegen dort Verwaltung und Politik. Man ließ buchstäblich lieber Gras über die Sache wachsen, als die Altlast dem Landkreis - im Rahmen der in den 1990er Jahren durchgeführten Altlastenerfassung - zu melden.
Jetzt schlagen die Gutachter Alarm: Bereits im vergangenen Jahr waren bei Untersuchungen, die der Landkreis als Reaktion auf Recherchen des WOCHENBLATT vornahm, auf dem Spielplatz deutlich erhöhte Schwermetallwerte festgestellt worden. Probebohrungen stießen nun schon rund einen Meter unter der Oberfläche auf diversen Müll. „Hausmüll jeglicher Art, Holz, Pflanzenreste Abfälle aus dem Gewerbe verteilen sich auf rund 150 Quadratmetern“, erklärt dazu Kreissprecher Johannes Freudewald. Besonders alarmierend: An den Außenkanten der Deponie vermuten die Gutachter den Müll direkt an der Erdoberfläche.
Ob von der Altlast in Rahmstorf eine konkrete Gefahr für die Umwelt, die Luft oder das Grundwasser und damit eventuell auch für Mensch und Tier ausgeht, ist derzeit nach Aussage von Kreissprecher Johannes Freudewald noch nicht feststellbar. Freudewald: „Nach den vorliegenden Ergebnissen der historischen Recherche kommt unser Gutachter zu dem Ergebnis, dass dem Verdacht einer Gefährdung für Boden, Luft und Grundwasser durch geeignete Maßnahmen weiter nachzugehen ist.“ Sprich: Alle bisherigen Untersuchungen (Bodenproben, Probebohrungen, historische Recherche) haben nicht dazu geführt, dass man beim Landkreis Entwarnung für die Fläche geben konnte.
Bei der Altlast handelt es sich aller Vermutung nach um eine ehemalige Dorfmüllkippe - eine sogenannte Hausmülldeponie oder „Bürgermeisterkippe.“ Das
Problem: Anders als bei speziellen Deponien ist es so gut wie unmöglich zu definieren, was genau im Boden liegt.
Hausmüll wurde früher nicht getrennt. Alles, was im Alltag an Abfall anfiel, landete im Hausmüll. Das Spektrum reicht von Essensresten und Verpackungen bis hin zu Schrott, alten Autos, Renovierungsabfällen. Dazu sagt Dr. Tilman Quensell von dem auf die Müllentsorgung spezialisierten Unternehmen „Otto Dörner“: „Im Allgemeinen ist gerade die Behandlung von alten Hausmülldeponien schwierig, weil man einfach nicht genau sagen kann, welche verschiedenen Stoffe und Stoffzusammensetzungen dort vorkommen. Beim Verrotten der vielen organischen Materialien können Deponiegase entstehen.“
Ein weiteres Risiko sei, dass wenn die Deponie nicht abgedichtet ist, Schadstoffe ausgewaschen werden könnten und ins Grundwasser sickern, so Quensell. Die Gleichung Hausmüll = harmlos geht also nicht auf. Das bestätigen auch wissenschaftliche Studien, laut denen auch auf Hausmülldeponien diverse Schadstoffe nachweisbar sind. Dazu gehören vor allem Schwermetalle wie Blei oder Quecksilber und chemische Verbindungen wie Pentachlorphenol (PCP) sowie polychlorierte Biphenyle (PCB).
Warum die Altlast so lange verschwiegen wurde, dazu kann Regesbostels Bürgermeister Kay Wichmann nichts sagen - seine Amtszeit begann erst vor rund einem Jahr. „Die Bürgermeister, die damals mit der Sache befasst gewesen sein könnten, sind schon verstorben, auch im aktuellen Rat gibt es niemanden, der in die Entscheidungen von damals involviert gewesen war“, so Wichmann.
Die Kosten für eine mögliche Sanierung der Fläche trägt der Landkreis, sie sind in den allgemeinen Müllgebühren mit einkalkuliert. Umso unverständlicher ist unter diesem Gesichtspunkt das jahrzehntelange Schweigen der Rahmstorfer.