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„Willkommen auf Deutsch“

Carsten Rau (li.) und Hauke Wendler
(gb). Bundesweit läuft derzeit „Willkommen auf Deutsch“ in den Kinos. Der Dokumentarfilm von Hauke Wendler und Carsten Rau zeigt, was passiert, wenn in der Nachbarschaft plötzlich Asylbewerber einziehen. Er beschäftigt sich mit der Frage, welche Probleme, Ängste, Sorgen und Vorurteile dabei auftreten. Über ein Jahr begleiteten die Filmemacher Anwohner, Flüchtlinge und die Verantwortlichen der Kreisverwaltung. Herausgekommen ist eine von Kritikern hoch gelobte Dokumentation, die im Sommer auch in der ARD gezeigt werden soll. Die Drehorte Appel und Tespe im Landkreis Harburg stehen dabei stellvertretend für ähnliche Dörfer in ganz Deutschland. In Appel wurde der Film jetzt in Gegenwart der Regisseure gezeigt. WOCHENBLATT-Mitarbeiterin Gabriele Basilius sprach mit ihnen.
WOCHENBLATT: Worin sehen Sie das Besondere in Ihrem Film?
Carsten Rau: Der Film lässt alle beteiligten Seiten offen zu Wort kommen und arbeitet die Grautöne in der Debatte heraus. Es bringt ja nichts, so zu tun, als gäbe es in dieser Frage einen breiten gesellschaftlichen Konsens.
WOCHENBLATT: Worauf legen Sie bei 'Willkommen auf Deutsch' Wert?
Hauke Wendler: Nach unserem Film 'Wadim' (2011), der das Schicksal der Flüchtlinge in den Mittelpunkt stellte, wollten wir jetzt hinterfragen, wie wir Deutschen mit diesem Thema umgehen. Denn letztlich entscheidet sich in unseren Köpfen, ob wir Menschen in Not helfen oder nicht, an den Außengrenzen der EU, im Mittelmeer, aber auch hier in Deutschland. Wir müssen endlich zu besseren und vor allem zukunftsweisenden Konzepten kommen. Der Film soll die Debatte darüber unterstützen und dazu beitragen, Ausschreitungen, wie es sie Anfang der 1990er Jahre gegen Asylbewerber gab, rechtzeitig vorzubeugen. Und er soll zeigen, dass es kein Untergang ist, wenn Flüchtlinge in ein Dorf kommen.
WOCHENBLATT: Was ist aus Ihrer Sicht das grundlegende Problem der derzeitigen Flüchtlingspolitik?
Carsten Rau: Weltweit sind derzeit 51 Millionen Menschen auf der Flucht. Davon landet aber nur ein Bruchteil, 2014 waren es 200.000, in Deutschland. Diese Zahl muss ein reiches, gut organisiertes Land aber verkraften können. Dafür muss sich die Politik rechtzeitig auf die weltweiten Krisenherde einstellen und darf davor nicht weiter die Augen verschließen. Es ist ignorant, wenn man so tut, als könne man Flüchtlinge mit hohen Zäunen und immer strengeren Gesetzen abschrecken.
WOCHENBLATT: Auf welche Ressentiments der Bürger sind Sie bei den Dreharbeiten gestoßen?
Carsten Rau: Meistens geht es dabei um die Angst vor Veränderung, vor dem Ungewissen und dem Fremden. Die Argumente lauten: Die eigenen Grundstückspreise würden sinken, die Sicherheit von Frauen und Kindern sei in Gefahr, und die Flüchtlinge kämen nur, um von unserem Sozialsystem zu profitieren. Wenn sich das ballt und von Einzelnen, von Gruppierungen oder populistischen Parteien geschürt wird, kann die Stimmung schnell kippen.
WOCHENBLATT: Ziehen sich diese Ressentiments Ihrer Ansicht nach durch alle Bevölkerungsschichten?
Hauke Wendler: Ja, in den Dörfern und Gemeinden, wo wir uns umgeschaut haben, war das so. Da scheint es weniger vom Bildungsstand und der sozialen Schicht abzuhängen, sondern davon, wie vertraut man mit Fremden ist.
WOCHENBLATT: Können Sie sich vorstellen, dass das Thema Asylbewerber zu einem politischen Rechtsruck in Deutschland führen wird?
Hauke Wendler: Das ist meine große Sorge. Weil dieses Thema von Leuten mit rechter oder rechtsradikaler Gesinnung für ihre kruden Ideen genutzt wird. Und genau das dürfen wir nicht zulassen.
WOCHENBLATT: Was für eine Willkommenskultur wünschen Sie sich in Deutschland?
Hauke Wendler: Eine, in der wir uns öffnen und sagen ’Lass sie erst mal ankommen’. Da, wo Kontakte zwischen Asylbewerbern und den deutschen Anwohnern entstehen, erledigen sich viele Vorurteile von selbst. Das zeigt letztlich auch das Beispiel des Dorfes Appel im Film, das am Ende ja zehn Flüchtlinge aufnimmt. Probleme entstehen immer dann, wenn nur gemutmaßt wird und plumpe Vorurteile kursieren.
WOCHENBLATT: Vielen Dank für dieses Gespräch.