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„Die Obrigkeit macht mit uns was sie will“

Hatten einen schweren Stand: Kreissprecher Johannes Freudewald (li.) und Sozialdezernent Reiner Kaminski von der Kreisverwaltung in Winsen
 
Forderte Verständnis für die Appeler: Reinhard Kolkmann

Verhärtete Fronten bei Bürgerversammlung gegen Asylbewerbersammelunterkunft - Appel bietet zehn Plätze an, der Landkreis setzt auf größere Einheiten

gb. Landkreis/Appel. Erfolglos warben Vertreter des Landkreises Harburg in Appel für ihr Projekt. Auf einer von großem Medieninteresse begleiteten Bürgerversammlung im „Deutschen Haus“ schlugen Sozialdezernent Reiner Kaminski und Pressesprecher Johannes Freudewald von den rund 250 Teilnehmern mehrfach massive Empörung entgegen. „Die Obrigkeit macht mit uns, was sie will“, kritisiert Hartmut Prahm von der Bürgerinitiative gegen eine Asylbewerbersammelunterkunft.
Wie berichtet, will die Kreisverwaltung in einem früheren Altenheim in Appel rund 50 Flüchtlinge unterbringen. Dagegen hat sich eine Bürgerinitiative gebildet, die maximal zehn Asylbewerber im Ort haben möchte. „Wir werden alle Möglichkeiten ausschöpfen um diese Unterkunft zu verhindern“ lautet die Position dieser Bürger. Sie fürchten eine soziale Schieflage durch die hohe Zahl von Flüchtlingen in dem von nur 200 Personen bewohnten Ortskern.
Sozialdezernent Kaminski betonte, es werde kein Abrücken von den Planungen geben, wenngleich die Belegungszahl noch offen sei. Der Kreis setze auf größere Objekte, denn nur ab 20 Personen könnten die Einrichtungen durch professionelle Betreiber geführt werden. Wenn die Samtgemeinde Hollenstedt - wie es im Raum steht - allerdings weitere dezentrale Plätze anbiete, würde die Zahl der Plätze in Appel neu geprüft. Die Verhandlungen mit dem Eigentümer des ehemaligen Seniorenheimes würden aber in jedem Fall weitergeführt, es sei denn, das Objekt rechne sich nicht mehr, so Kaminiski.
Der Inhaber des Hotels „Deutsches Haus“ und CDU-Ratsherr Carsten Fock bot dem Landkreis Zimmer für zehn Asylbewerber an. Diese Zahl von Neubürgern würde man in Appel gern willkommen heißen, so der Tenor im Saal. „Bei allem Verständnis für die Situation des Landkreises erwarten wir auch Verständnis für die Ängste und Sorgen der Appeler“, erklärte Bürgermeister Reinhard Kolkmann.
Rainer Kaminiskis forderte die Appeler auf, sich auf die Neubürger einzustellen, statt in ihrer derzeitigen Haltung zu verharren. Dazu hieß es aus dem Saal: Die größte Gemeinschaft sei der Sparclub - wie solle so eine Integration so vieler Flüchtlinge stattfinden.
Dass Kreissprecher Johannes Freudewald den Hinweis der Bürger auf die fehlende Infrastruktur und fehlende Freizeitmöglichkeiten im Ort mit der Frage „wie leben sie an diesem Standort“ quittierte, wurde im Saal ebenso als Zynismus gewertet, wie Kaminskis Anmerkung „Flüchtlinge seien es gewohnt, weitere Entfernungen zurückzulegen als die von Appel nach Hollenstedt“. Aus Protest verließen daraufhin etliche Teilnehmer vorzeitig die Versammlung.
Derartige verbale Ungeschicklichkeiten der Verantwortlichen dürften dem Druck steigender Asylbewerberzahlen geschuldet sein. Denn pro Woche kommen auf den Landkreis 20 Neubewerber zu. Bis Ende September 2014 müssen laut Freudewald im Landkreis rund 500 neue Plätze für Asylbewerber geschaffen werden.
Unterdessen nahm Hauke Wendler von „PIER 53“ in Co-Produktion mit dem NDR landkreisweite Dreharbeiten für einen 80-minütige Dokumentation zum Thema Asylbewerber auf. „Am Beispiel Appel lassen sich viele der Probleme aufzeigen, die Landkreise mit wachsenden Flüchtlingszahlen haben“, sagte der Regisseur.