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Integrierte Gesamtschule in Hittfeld erhält eine Oberstufe

An der IGS in Seevetal können Schüler jetzt auch das Abitur machen. Dafür steht eine kostenintensive Erweiterung an (Foto: archiv)
mi. Winsen. Die erst 2013 gestartete Integrierte Gesamtschule (IGS) in Hittfeld muss sich jetzt nicht mehr hinter ihren zwei älteren Schwesterschulen in Buchholz und Winsen verstecken. Auch in Hittfeld darf zukünftig das Abitur gemacht werden. Einstimmig entschied sich der Schulausschuss des Landkreises Harburg jetzt für die Einführung einer Oberstufe an der Schule.
Von der IGS vorgelegte, statistische Daten und Erhebungen zur Entwicklung der Schülerzahlen interpretierten die Politiker dahingehend, dass die IGS dauerhaft eine Oberstufe mit mindestens 54 Schülern bilden kann.
Die Daten der Schule gehen davon aus, dass von den in den 2013 gestarteten 154 Schülern (36 Gymnasium), (87 Realschule) (15 Hauptschule) rund 54 Prozent, sprich 68 Schüler, den Sprung in die elfte Klasse schaffen. Für den ähnlich starken Jahrgang 2014 (146 Schüler insgesamt) wird sogar von 90 Schülern, also gut 60 Prozent, ausgegangen. Kritiker aus der gymnasialen Praxis halten eine solch hohe Quote nur durch Absenken des Niveaus für machbar. Allerdings ist das Lernen an einer IGS auch nicht mit dem im dreigliedrigen Schulsystem vergleichbar und viel stärker auf Durchlässigkeit ausgerichtet.
Der Schulausschuss - ganz der Sachpolitik verpflichtet - folgte jedenfalls den genannten Zahlen und hob die zwölfte Oberstufe an einer allgemeinen Schule im Landkreis aus der Taufe. Andere Zahlen, nämlich die des Haushalts, spielten allerdings bei der Entscheidung keine Rolle.
Hintergrund: Schon jetzt schlägt die Erweiterung der IGS in Hittfeld mit rund acht Millionen Euro zu Buche. Der Platzbedarf für die neue Oberstufe ist dabei noch nicht einmal einberechnet. Damit haben sich die Kosten für den Standort in Hittfeld mittlerweile fast vervierfacht (siehe Kommentar).
Was bedeutet die Oberstufe in Hittfeld für das angrenzende Gymnasium? Was für das Gymnasium in Meckelfeld oder die kleine Oberschule in Rosengarten? Alle diese Fragen spielten für die Entscheidung des Ausschusses überhaupt keine Rolle. Einzig Arbeitnehmervertreter Jan-Hinnerk Meinen mahnte an, dass immer mehr Oberstufen an allgemeinbildenden Schulen sich negativ auf die Oberstufen an den Berufsbildenden Gymnasien auswirkten. Die Oberstufen dort seien zwar derzeit sechszügig, allerdings stünden dahinter auch verschiedene Fachrichtungen. „Im Bereich Pflege gibt es zum Beispiel nur einen Zug, wenn hier nur ein paar Schüler fehlen, kann die BBS diese Richtung nicht mehr anbieten“, so Meinen.
Noch kritischer sehen das Schulleiter aus der Region, mit denen das WOCHENBLATT sprach. Sowohl Peter Oberbeck, Schulleiter des Gymnasium Meckelfeld, als auch Marthe Pünjer, Schulleiterin der Oberschule Rosengarten, befürchten, dass immer mehr Oberstufen sich mittelfristig negativ auf die gesamte Schullandschaft auswirken. „Diese Entscheidung, so gut sie für Hittfeld sein mag, wird noch ihre Spuren hinterlassen“, prognostiziert Marthe Pünjer. Ähnlich äußerte sich Peter Oberbeck, der vor allem die kleinen Schulen unter Druck sieht.

KOMMENTAR

Klientelpolitik statt Schulpolitik


Um es vorweg zu nehmen: Ich glaube, dass die IGS Seevetal eine gute Arbeit leistet. Ich halte das Modell IGS im Allgemeinen für ein längst überfälliges Korrektiv eines vorher sehr undurchlässigen, noch aus dem 19. Jahrhundert geprägten, dreigliedriegen Bildungssystem

. Die Oberstufe an der IGS in Hittfeld mag - mit Blick auf die Schwesterschulen in Buchholz und Winsen - ebenfalls richtig sein, allerdings nur, weil sie die logische Konsequenz aus einer Reihe falscher Entscheidungen ist.
Rückblick: 2012 hatte man die große Chance, das Schulwesen nachhaltig zu stabilisieren. Bei der Standortfrage für die dritte IGS sprach aus schulpolitischer Sicht alles dafür, die damals strauchelnde Oberschule in Nenndorf zum dritten IGS-Standort zu machen. Der Schulstandort Rosengarten wäre so dauerhaft gesichert gewesen, ohne die Schullandschaft in Buchholz oder Seevetal zu gefährden. Doch im Schulausschuss betrieb man damals wie heute weniger Schul-, sondern vor allem Klientelpolitik. Nicht die Stabilisierung der Schullandschaft, sondern die Gunst der eigenen Wähler bestimmte den politischen Kurs. Schließlich setzte sich das gut vernetzte Seevetal durch. Das schlagende Argument lieferte dazu ein Gutachten, das für den Standort in Hittfeld (Baujahr 1970er) lediglich 2,3 Millionen Euro, für Rosengarten (Baujahr 2000) aber rund sieben Millionen Euro Umbaukosten vorsah. Experten bezweifelten schon damals die Belastbarkeit dieser Zahlen. Sie sollten Recht behalten. Denn die IGS Seevetal hat gerade die acht Millionen-Euro-Grenze erreicht und mit der neuen Oberstufe stehen definitiv weitere Ausgaben für den Landkreis (Schuldenstand 105 Millionen Euro) an. Dazu kommen ungeklärte Auswirkungen auf die Oberschule Rosengarten, die Berufsbildenden Gymnasien und die Gymnasien in Seevetal. Um eine solch teure, nur vom Eltern- bzw. Wählerwillen gesteuerte, (Klientel-)Politik künftig zu unterbinden, käme wohl nur die Einführung von Schuleinzugsbezirken in Betracht. Doch - und hier beißt sich die Katze in den Schwanz - für so eine unpopuläre Entscheidung fehlen im Landkreis Harburg offensichtlich die politischen Köpfe.

Mitja Schrader