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Nicht für alle endete mit dem Krieg auch die Angst

Ellen Külper, Ingeborg Hammerich, Juliane Stahl, Gertrud Tiedemann, Gisela Viertel und Hildegard Nitschke (v.li.) berichten über „Erinnerungen, die man nicht los wird“
 
(Foto: archiv / Meier)
(gb). Vor 70 Jahren endete der Zweite Weltkrieg. Doch die Erinnerungen an die Zeit der Verwüstungen, des Sterbens, des Schreckens und des Hungers haben sich unauslöschlich in das Gedächtnis und in die Seelen derer eingebrannt, die ihn erlebt haben. Wie unterschiedlich diese Erfahrungen sein können, darüber berichten sechs Seniorinnen, die heute im Betreuten Wohnen in Hollenstedt leben:
• Die heute 84-jährige Ellen Külper lebte zum Kriegsende auf der Elbinsel Hamburg-Wilhelmsburg. Die letzten sechs Kriegsmonate verbrachte sie im Wilhelmsburger Hochbunker. Dieses noch heute existierende Gebäude hat die damals 14-Jährige erstmals wieder am 3. Mai 1945 verlassen. „An dem Tag konnte ich mich nach sechs langen Monaten endlich wieder ausgezogen in ein Bett legen“, erinnert sich Ellen Külper. Tags zuvor hatten die britischen Truppen unter Marschall Montgomery in einer Proklamation Verhaltensregeln für die Zivilbevölkerung herausgegeben. Ab dem 3. Mai rollten die britischen Panzer durch Hamburg. „Für uns war es das Wichtigste, dass es die Briten und nicht die Russen waren, die nach Hamburg kamen“, sagt Ellen Külper. Denn von den Briten ging keine Gefahr für die Bevölkerung aus. „Es gab keine Übergriffe, die Soldaten verhielten sich uns gegenüber stets korrekt.“

• Auch Ingeborg Hammerich erlebte das Frühjahr 1945 in Hamburg. „Wir waren ausgebombt und hatten nichts mehr, doch das Schlimmste war der quälende Hunger.“ Als die britische Armee in Hamburg einmarschierte, wurden die Kinder aus Angst vor den Besatzern erstmal tagelang versteckt. „Danach ging das Leben irgendwie weiter“, sagt die heute 83-Jährige.

• Juliane Stahl (84), erlebte das Kriegsende im Kreis Husum in Schleswig-Holstein. Die Nacht zum 2. Mai musste sie bei einer Tante verbringen. Den Grund dafür erfuhr sie am nächsten Morgen: In dieser Nacht wurde ihre jüngste Schwester als siebentes Kind der Familie geboren. Zeitgleich wurde der Tod Adolf Hitlers verkündet. „Es waren zwiespältige Gefühle, die mich damals bewegten“, sagt Juliane Stahl, die „gerne bei den Jungmädels gewesen“ war. Endlich wieder schlafen zu können, und sich nicht vor überfliegenden Geschwadern in Gräben retten zu müssen, empfand auch sie als große Erleichterung. Als Tage später die ersten britischen Panzerspähwagen durch ihr Dorf fuhren, wurden die Kinder von den Soldaten mit Brot und Schokolade beschenkt.

•Anders erging es Gertrud Tiedemann. Die heute 80-Jährige lebte zu Kriegsende in der Nähe von Ludwigslust in Mecklenburg-Vorpommern. Die damals 10-Jährige sah die Trecks von Flüchtlingen aus dem Osten. „Das waren ausgemergelte Menschen auf Planenwagen, für die meine Mutter Tee oder Brühe kochte.“ Gertrud Tiedemann berichtet von sterbenden Menschen, die nach ihren Tod nur notdürftig am Straßenrand verscharrt wurden, von Kindern, die unterwegs geboren wurden. Als die amerikanischen Soldaten die Gegend vor der vorrückenden russischen Armee verließen, schenkten die Amerikaner der deutschen Zivilbevölkerung ihre letzten Vorräte. Mit den russischen Truppen kam auch die Gefahr für Leib und Leben. Frauen und Mädchen wurden von den Soldaten gruppenweise vergewaltigt. Die Einheimischen versteckten sich wochenlang aus Angst in den Wäldern. Von den ehemaligen Parteimitgliedern nahmen sich viele das Leben.

• Die Erinnerungen von Gisela Viertel (85) sind ebenfalls von Angst und Schrecken geprägt. 1945 lebte sie am Rand von Berlin. „Wir hatten alle Flugangriffe miterlebt, beim schwersten Bombardement auf Berlin wurde ich konfirmiert.“ Man schrieb an diesem Tag den 18. März. Die spätere Einnahme von Berlin durch russische Truppen empfand die Zivilbevölkerung keineswegs als Befreiung. Auch Gisela Viertel berichtet, dass russische Soldaten über Frauen und Mädchen herfielen. „Nicht mal Zwölfjährige wurden verschont, die Kerle standen Schlange, kaum war einer fertig, kam der Nächste.“ Viele der Opfer überlebten diese Gewaltorgien nicht, sie starben an den Folgen der Gruppenvergewaltigungen oder nahmen sich das Leben. „Wenn wir raus mussten um Holz zu sammeln, wurden wir als alte Frauen verkleidet, um nicht vergewaltigt zu werden“, erinnert sich Gisela Viertel.

• Hildegard Nitschke stammt aus Schlesien. Nur ein Zimmer blieb ihrer Familie während der letzten 18 Kriegsmonate in ihrem Elternhaus. Der Rest wurde - und das sollte sich als Glücksfall herausstellen - von Polen besetzt. Sie boten ihrerseits einen gewissen Schutz vor der russischen „Soldateska“, in dem sie die Deutschen versteckten. „Die Russen haben gesoffen und suchten nach Frauen und Kindern.“ Doch Gertrud Nitschkes Vater wandte einen Trick aus dem Ersten Weltkrieg an: Um den Geruch von Ausscheidungen Typhus­kranker zu imitieren, mischte er in einem Nachttopf Kot mit Karbit und zündete dieses Gemisch an. „Das hat uns die Unversehrheit gerettet“, erinnert sich die heute 85-Jährige. In Viehwaggons wurden die Schlesier später aus ihrer Heimat vertrieben. Mit bewegter Stimme berichtet Hildegard Nitschke auch davon, wie ihre Mutter von einem russischen Soldaten mit einem Gewehrkolben geschlagen wurde. Nur weil sie ihrem Baby mit Stroh den Po abwischen wollte. In der Nähe von Hannover angekommen, begegnete man den Flüchtlingen mit Hass. Sie seien keine Deutschen und sollten verschwinden. „Wir haben vor Hunger Töpfe ausgeleckt und hatten nichts anzuziehen.“
„Es sind Erinnerungen, die man nie los wird“, sagen die sechs Seniorinnen.
Wer mit Zeitzeugen wie ihnen spricht, spürt, wie sehr sie diese Erlebnisse auch heute noch bewegen. Wir sollten zuhören. Und daraus lernen.