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Weniger Zeit für "Zappel-Philipps" - Inklusion wird oft nicht weit genug gedacht

Die Grafik zeigt, was Inklusion bedeutet. In der Praxis stößt diese Wunschvorstellung allerdings noch oft an (künstliche) Grenzen (Foto: Fotolia _Gerhard Seybert)
 
Sozialdezernent beim Landkreis Harburg: Reiner Kaminski (Foto: archiv)
mi. Landkreis. Inklusion - die gemeinsame Beschulung von Kindern mit und ohne Behinderung - ist auch im Landkreis Harburg ein Reizthema. Mit dem Versprechen, „die Förderschulen nicht abzuschaffen“ wollte beispielsweise CDU-Spitzenkandidat Bernd Althusmann im Wahlkampf punkten. Das WOCHENBLATT hat die Debatte um Inklusion zum Anlass genommen, mit Schulleitern, Politikern und Vertretern der Jugendhilfe zu sprechen - also Personen, die Inklusion gestalten (müssen). Sie zeichnen ein Bild, das deutlich komplexer ist, als die Diskussion gemeinhin vermuten lässt.
Früher war es einfach: Wer nicht „normal“ war, wurde an einer Förderschule unterrichtet. Ein System, das in seiner Kontinuität der strikten Trennung von der Weimarer-Zeit über die Nazi-Diktatur bis in die jüngste Vergangenheit reichte.
Der große Knall kam mit Deutschlands Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention. Hier heißt es in Artikel 24, dass Deutschland dafür sorgen muss, dass auch Kindern mit Behinderung der Zugang zum allgemeinen Bildungssystem möglich ist. Die Konsequenz: Auch in Niedersachsen wurde zum Schuljahr 2014/2015 ein inklusives Schulsystem eingeführt. Jeder Schule stehen seitdem Sonderschullehrer zur Verfügung. Dazu werden bei Bedarf Schüler durch Schulbegleiter unterstützt. Das Thema Schulbegleitung zeigt dabei deutlich, dass die Dimension von Inklusion oft nicht zu Ende gedacht wird.
Hintergrund: Zuständig für die Schulbegleitung im Landkreis Harburg ist das Jugendamt, bzw. bei geistiger Behinderung das Sozialamt. In beiden Ämtern sind die Zahlen bewilligter Schulbegleitungen seit Einführung der Inklusion stark angestiegen. Von 49 in 2013 auf 88 in 2017, bzw. beim Sozialamt von 87 auf 122. Für den zuständigen Sozialdezernenten Reiner Kaminski ein Zeichen, dass immer mehr Eltern ihre Kinder auf inklusive Schulen schicken. Kaminski sieht den Anstieg bei den Schulbegleitungen aber auch kritisch. Er erklärt: „Schulbegleitung zielt darauf ab, den Schüler so zu ändern, dass er mit seinem Umfeld klarkommt. Das ist aber gerade nicht der Ansatz von Inklusion. Zwingende Voraussetzung für Inklusion ist stattdessen, dass nicht nur der Schüler, sondern auch sein Umfeld - die Klasse, die Lehrer und Eltern - eingebunden werden.“ Damit zeigt der Sozialdezernent ein grundsätzliches Problem beim Thema Inklusion auf: Oft fehlen die Rahmenbedingungen, um Inklusion sinnvoll zu gestalten.
Der Landkreis hat laut Kaminski aus diesem Grund die sogenannte „Pädagogische Gruppenanbindung an Institutionen“ (PGI) entwickelt. Ein pädagogisches Angebot, das dem Gedanken der Inklusion Rechnung trage, in dem es auch immer das Umfeld eines Schülers mit einbinde. Doch diese Maßnahme gebe es nur im Landkreis Harburg. Bedenke man, dass eine klassische Schulbegleitung ca. 5.000 Euro im Monat koste, werde in vielen Kommunen viel Geld in eine Maßnahme investiert, die nur bedingt für die Umsetzung von Inklusion geeignet sei.
Sandra Pankow-Waller, Leiterin der Grundschule in Hollenstedt, sagt: „Bei der Außenwahrnehmung von Inklusion konzentriert sich die Debatte vielfach auf die sogenannten verhaltensauffälligen Kinder. Doch diese Kinder gab es schon weit vor der Inklusion an unseren Schulen, im 1845 erschienen ‚Struwwelpeter‘ heißen sie ‚Zappel-Philipp‘ – eine Sonderschule für sie existierte im Kreisgebiet nie“, erklärt die Pädagogin. Was sich durch die Inklusion allerdings geändert habe, sei die Zeit, die für die pädagogische Arbeit mit verhaltens-
auffälligen Kindern zur Verfügung stehe. Diese falle deutlich geringer aus.
Hintergrund: Vor der Einführung der Inklusion gab es ein Stundenkontingent nur für verhaltensauffällige Schüler. Diese Stunden wurden komplett gestrichen. Dafür hat jede Schule jetzt zwei sonderpädagogische Stunden pro Klasse, die allerdings alles abdecken müssen. „Unterm Strich gibt es so gerade für die Kinder, die oft als Negativbeispiel für Inklusion genannt werden, weniger Stunden als vor der Inklusion“, sagt Pankow-Waller.
Auch Marthe Pünjer, Leiterin der Oberschule Rosengarten, bestätigt die Einschätzung ihrer Hollensteder Kollegin. Anders sei es bei den sogenannten lernbehinderten Kindern. „Einige müssen sich mit ihren Leistungen nicht hinter den sogenannten ‚normalen‘ Schülern verstecken“, so Pünjer. Dennoch halte sie die gänzliche Abschaffung aller Förderschulen pädagogisch für falsch. Pünjer nennt noch ein anderes Problem. So sei die Lehrerausbildung an den Unis immer noch nicht auf die inklusive Schule eingestellt. Ein Versäumnis, das auch die renommierte „Bertelsmann Stiftung“ wiederholt kritisiert hat.
Brigitte Somfleth, SPD-Bildungsexpertin und Vorsitzende des Schulausschusses im Landkreis Harburg, erklärt: „Die Kritik an der Inklusion ist in der Politik angekommen.“ Deswegen werde im Landkreis die Förderschule Schwerpunkt Lernen in Winsen auch nicht geschlossen. Dennoch, trotz der gesamten Probleme, sei eine Sache völlig klar: Somfleth: „Ein Zurück zum alten System wird es nicht geben.“
• Für einen Folgeartikel fragt das WOCHENBLATT Eltern: Welche Erfahrungen, Sorgen, Probleme haben Sie mit Inklusion? Schreiben Sie uns unter mi@kreiszeitung.net.