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23 Prozent Ausbildungsabbrecherquote

Im WOCHENBLATT-Interview: Heidrun Blümel

Karriereberaterin Heidrun Blümel nennt Gründe des Scheiterns von Berufsanfängern

(gb). Für einen neuen Jahrgang beginnt in Kürze die Berufsausbildung. Doch nach Zahlen des Bundesministeriums für Bildung beträgt die Abbrecherquote 23 Prozent. Damit endet fast ein Viertel aller Berufsausbildungen ohne Abschluss. Die Zahlen variieren stark nach den jeweiligen Ausbildungsberufen. Azubis zur Restaurantfachkraft liegen mit 47,6 Prozent an der Spitze der Abbrecher, angehende Bankkaufleute scheitern mit 6 Prozent deutlich seltener. Insgesamt betrachtet, ziehen höhere allgemeinbildende Schulabschlüsse geringere Abbruchquoten nach sich. Darüber, welche Gründe neben einer möglicherweise falschen Berufswahl zum Scheitern des Ausbildungsverhältnisses führen, sprach das WOCHENBLATT mit der Hollenstedter Karriereberaterin Heidrun Blümel (52), die junge Menschen beim Einstieg in den Beruf unterstützt.
WOCHENBLATT: Frau Blümel, was ändert sich grundsätzlich im Leben der Jugendlichen, die eine Berufsausbildung beginnen?
Heidrun Blümel: Zum besseren Verständnis wähle ich das Bild eines Zuges mit verschiedenen Abteilen (Schultypen) und Schaffnern (Lehrern), in dem die Schüler bisher saßen. Nun ist dieser Zug am Ziel, die Passagiere müssen jetzt selbständig in andere Fortbewegungsmittel umsteigen. Auf dieser Reise entwickeln sie andere und weitere Aspekte ihrer Persönlichkeit. Und es ändert sich etwas Gravierendes: aus einer Bringschuld wird eine Holschuld. Wurden sie als Schüler bisher überwiegend berieselt, müssen sie nun ihre Themen selbst abrufen, Interesse zeigen und sich einbringen. Bislang wurde auf den Punkt, also auf Klassenarbeiten hingearbeitet. Jetzt müssen Lerninhalte stetig abrufbar sein.
WOCHENBLATT: Man könnte also auch von einem gewissen Maß an Professionalität sprechen, das jetzt gefordert ist?
Heidrun Blümel: Auf jeden Fall. Im Job muss man lernen, sich für die eigene Arbeit, die ja auch entlohnt wird, verantwortlich zu fühlen. Das bedeutet, sinnvolles Handeln, Verbindlichkeit und Zuverlässigkeit zu zeigen. Das bedeutet auch, am Arbeitsplatz ein gewisses Auftreten an den Tag zu legen. Dazu gehört es, die Hierachie anzuerkennen, die Kleiderordnung einzuhalten, auf Besserwisserei und Codesprache zu verzichten.
WOCHENBLATT: Womit wir bei der Kommunikation angekommen wären.
Heidrun Blümel: Und damit bei einem ganz wichtigen Thema. Denn Spannungen entstehen meist dadurch, dass unterschiedliche Sprachen gesprochen werden. Vorgesetzte erklären Dinge oft aus ihrer Expertensicht. Versteht ein Auszubildender diese Sprache nicht, muss er nachfragen, und zwar so lange, bis er oder sie auch unklare Ansagen verstanden hat.
WOCHENBLATT: Worin besteht da die Schwierigkeit?
Heidrun Blümel: Darin, dass das Zuhören oft nicht stattfindet. Die meisten Jugendlichen sind multitasking unterwegs und deshalb nicht gewohnt, sich auf eine Sache zu konzentrieren. Sie sprechen weniger von Angesicht zu Angesicht, sondern kommunizieren via Facebook, per Handy und SMS. Für viele besteht die Schwierigkeit darin, plötzlich eben nicht mehr ständig erreichbar zu sein, die Aufmerksamkeit über einen längeren Zeitraum der Arbeit zu widmen und auch zu halten. Das bedeutet nämlich nicht nur körperlich, sondern mit allen Sinnen am Arbeitsplatz anwesend zu sein, und auch entsprechend mitzudenken.
WOCHENBLATT: Wie können sich Schulabgänger darauf vorbereiten?
Heidrun Blümel: Berufseinsteiger sollten sich so konditionieren, dass sie die elektronischen Kommunikationsmittel mal eine Stunde nicht nutzen. Sobald sie das auch aushalten können, wird dieser Zeitraum dann schrittweise ausgedehnt.
WOCHENBLATT: Worin liegen die wichtigsten Unterschiede zwischen elektronischer und realer Kommunikation?
Heidrun Blümel: Darin, dass bei der Kommunikation mit einem realen Gegenüber eine Nachricht auch mit Gestik und Mimik ausgedrückt wird. Außerdem macht der Ton die Musik. Erst insgesamt betrachtet wird also ersichtlich, in welcher Verfassung sich Sender und Empfänger befinden, und ob die Beziehung gut oder gestört ist. Hinzu kommt, dass das Gesagte nicht noch einmal gelesen und gegebenenfalls korrigiert werden kann, bevor es beim Empfänger ankommt.
WOCHENBLATT: Verkümmert aus ihrer Sicht durch die immer stärker werdende Nutzung elektronischer Kommunikationsmittel die Fähigkeit, zwischenmenschliche Beziehungen auf allen nachrichtlichen Ebenen wahrzunehmen?
Heidrun Blümel: Ja, leider.
WOCHENBLATT: Sehen Sie darin für die „Generation Facebook“ eine unüberwindliche Hürde?
Heidrun Blümel: Als unüberwindlich würde ich diese Hürde nicht bezeichnen wollen, aber als ein Problem, an dem gearbeitet werden muss. Und zwar von Angesicht zu Angesicht, und nicht per Display, was eine äußerst bereichernde Erfahrung sein kann.
WOCHENBLATT: Vielen Dank für das aufschlussreiche Gespräch!