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Erfolg auf Kosten anderer

Die Oberschule in Jesteburg kommt offensichtlich gut an. Aber muss dort wirklich jeder Schüler aufgenommen werden?

Jesteburger Oberschule platzt nach zwei Jahren schon aus allen Nähten.

mum. Jesteburg. Sind das nun gute oder schlechte Nachrichten? Obwohl die Oberschule in Jesteburg erst im Herbst 2014 offiziell eröffnet wurde (zuvor wurde zwei Jahre in einem Provisorium unterrichtet), platzt sie schon jetzt aus allen Nähten. Offensichtlich kommt das Modell an. Aber: Wie das WOCHENBLATT erfahren hat, musste bereits für das aktuelle Schuljahr ein Gruppenraum „geopfert“ werden. Um die 92 angemeldeten Jungen und Mädchen für das neue Schuljahr unterzubringen, werden erneut vier Gruppen- zu Klassenräumen umgebaut. Und es kommt noch schlimmer: Für das Schuljahr 2017/18 rechnet Landkreis-Sprecher Johannes Freudewald damit, dass Container aufgestellt werden müssen. Sogar von einem Neubau ist die Rede.
Hat der Landkreis bei der Planung versagt? Offenbar nein, denn die Schule war dreizügig konzipiert. Die Lehrer scheinen mit ihrem Konzept einfach nur erfolgreich zu sein. Betrachtet man jedoch, woher die Jungen und Mädchen, die nach den Ferien die Oberschule besuchen, kommen, stellt man fest, dass nur 44 Prozent aus Jesteburg stammen. Die meisten Teenager wohnen in Hanstedt, Buchholz und Seevetal. Vor allem die Nachbargemeinde Hanstedt leidet unter der massiven Abwanderung - die Oberschule dort muss jedes Jahr ums Überleben kämpfen.
Und die Situation wird sich weiter zuspitzen. In einem Interview sprach Schulleiterin Iris Strunk von der Vision, „in Jesteburg das Abitur machen zu können“. Jesteburg hätte sich dann nicht nur heimlich von einer Oberschule zur Gesamtschule gewandelt, sondern gleichzeitig wohl auch das Aus für die Oberschule in Hanstedt besiegelt.

Kommentar

Ein Plädoyer für Schuleinzugsbezirke
Muss eine Schule um jeden Preis wachsen?

Fortsetzung zu „Erfolg auf Kosten anderer“ auf Seite 1
Wenn es um die Oberschule in Jesteburg geht, gerät das
WOCHENBLATT schnell in den Ruf, alles schlecht zu reden. Das wird auch jetzt wieder der Fall sein. Dabei gilt ohne Zweifel, dass die Lehrer dort offensichtlich einen hervorragenden Job machen. Dafür spricht, dass die Schule jedes Jahr vierzügig ist, obwohl eine Dreizügigkeit geplant war. Zahlreiche Kooperationen - unter anderem mit der Leuphana Universität in Lüneburg - unterstreichen das Engagement des Kollegiums.
Aber: Die Medaille hat eine Kehrseite. Das Konzept der Schule sah 18 Klassen-, sechs Gruppen- und vier Fachräume vor. Das passt schon längst nicht mehr. Nach den Sommerferien wechseln von anderen Schulen so viele Teenager in die neue neunte Klassenstufe, dass es dann sogar acht Parallelklassen (statt jetzt sieben) geben wird. Schon jetzt sind fünf Gruppen- und ein Fachraum zu Klassenzimmern umgerüstet worden. Für das Schuljahr 2017/18 sind vier Container vorgesehen (Kosten: 60.000 Euro pro Jahr).
Kein Geheimnis ist der Wunsch der Jesteburger Politik, zwischen den beiden Jahrgangshäusern ein weiteres Gebäude zu bauen, in dem acht Klassenräume untergebracht werden könnten. Sollte es tatsächlich irgendwann möglich sein, an der Oberschule Abitur zu machen (das wünscht sich die Schulleitung), würde selbst dieses Gebäude nicht ausreichen.
Das alles spricht nicht gegen die Oberschule. Es gibt den Wunsch der Eltern und Schüler, möglichst lange offen für alle Bildungsabschlüsse zu sein. Nicht umsonst erfreuen sich die drei Gesamtschulen im Landkreis großer Beliebtheit.
Allerdings: Im kommenden Schuljahr stammen gerade einmal 44 Prozent der neuen Oberschüler aus Jesteburg. Jesteburger Kinder zieht es nach Buchholz an die Gymnasien, beziehungsweise an die Gesamtschule. Sehr viele Schüler kommen aus Hanstedt (33 von 92), Seevetal und Buchholz.
Ich bin der Meinung, es ergibt keinen Sinn, Millionen in eine Schule zu investieren, wenn in Hanstedt und Rosengarten moderne Schule mit engagierten Lehrern jedes Jahr um ihre Existenz kämpfen. Es ist paradox, dass die Anzahl der Schüler im Landkreis Harburg in den vergangenen drei Jahrzehnten gesunken ist, die Kosten für die Schulbeförderung jedoch kontinuierlich steigen - von acht Millionen Euro (2008) auf zehn Millionen Euro (2014).
Jesteburg sei es vergönnt, eine moderne Oberschule zu haben. Doch dort sollten doch bitte vor allem Jesteburger zur Schule gehen. Genau das war das Bestreben der Initiative, die sich damals für Jesteburg als Schulstandort ausgesprochen hat. Im Umkehrschluss bedeutet dies: Es wird höchste Zeit darüber nachzudenken, wieder Schuleinzugsbezirke einzuführen.
Sascha Mummenhoff