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Jesteburg: Mieser Abschied nach zehn Jahren

Joachim Stoll muss nach zehn Jahren gehen
 
Melanie Ritter war nicht von Stolls Eignung überzeugt (Foto: privat)

Freibad-Mitarbeiter Joachim Stoll bekommt nach zehn Jahren keinen Vertrag - und keine Verabschiedung.

mum. Jesteburg. „Es fühlt sich an, als ob ich mit einem gewaltigen Arschtritt vor die Tür gesetzt wurde!“ Joachim Stoll (72) findet deutliche Worte, um zu beschreiben, wie es ihm zurzeit geht. Stoll war zehn Jahre in unterschiedlichen Beschäftigungsverhältnissen im Jesteburger Freibad tätig. Jetzt kam das Aus. Weil er nicht mehr in das Konzept passt?
Joachim Stoll gehört zu den Gründungsmitgliedern des Fördervereins „Unser Freibad“. In der Saison 2006 und 2007 engagierte er sich ehrenamtlich und ohne Bezahlung im Bad. „Das waren bestimmt bis zu 80 Stunden in der Woche“, erinnert sich Stoll. Im Anschluss war er sechs Jahre auf 400-Euro-Basis beschäftigt. Dann folgte für die vergangenen zwei Jahre ein befristeter Vertrag in Festanstellung. Stolls Aufgaben waren stets die gleichen Tätigkeiten. In erster Linie war er als Kassenaufsicht beschäftigt. Zudem übernahm er die Betreuung der Gäste und unterstützte die Badeaufsicht. „Ich war das sprichwörtliche Mädchen für alles“, so der 72-Jährige.
Am Ende der vorigen Saison teilte die Verwaltung Stoll mit, dass er keinen Anschlussvertrag bekommen würde. „Man stellte mir aber frei, mich zu bewerben“, so Stoll. Weil ihm der Job wichtig war und er letztlich auch auf das Gehalt angewiesen ist, reichte er seine Unterlagen ein. Tatsächlich wurde Stoll auch zum Vorstellungsgespräch eingeladen. „Man fragte mich, ob ich auch Gärtner-arbeiten übernehmen könne“, beschreibt Stoll das Gespräch. Er habe dies verneint und auf seine Krebserkrankung hingewiesen. Wenig später flatterte ihm eine Standard-Absage ins Haus.
„Aufgrund einer neuen Kassenanlage hat sich die Arbeitsplatzbeschreibung verändert“, sagt Fachbereichsleiterin Melanie Ritter. Sie ist für das Freibad und die Personalentscheidung verantwortlich. Künftig sei der Eintritt auch ohne ständige Aufsicht möglich. „Wir haben nach jemandem gesucht, der auch körperlich zupacken kann“, so Ritter. Insgesamt habe es 20 Bewerbungen gegeben. „Herr Stoll war nicht chancenlos. Er hätte uns überzeugen können.“ Immerhin räumt sie auf WOCHENBLATT-Nachfrage ein, dass man die Angelegenheit auch eleganter hätte lösen können. „Ich werde Herrn Stoll anrufen.“
„Mir war klar, dass irgendwann einmal Schluss ist“, so Stoll. „Mein Traum wäre es gewesen, dieses Jahr noch dabei zu bleiben, um meinen Nachfolger einzuarbeiten und mich von den Gästen zu verabschieden.“ Stolls Nachfolgerin ist Ilka Brock. Laut Freibad-Verein unterstützt die neue Kassiererin die Badeaufsicht und übernimmt weitere serviceorientierte Tätigkeiten. Laut Ritter würde sie auch zupacken können. Brock war zehn Jahre lang für den Kartenverkauf und den Kiosk im Bendestorfer Bad verantwortlich.
Joachim Stoll verabschiedete sich vorige Woche mit einer Anzeige im WOCHENBLATT von den Freibad-Besuchern. Darin heißt es unter anderem: „Leider habe ich keine andere Möglichkeit, mich von Ihnen zu verabschieden. Nach langer Tätigkeit im Freibad hat mir die Gemeinde keinen neuen Arbeitsvertrag gegeben. Es würde mich freuen, wenn Sie mich vermissen sollten. Ich habe meine Arbeit immer sehr gern gemacht und werde den Kontakt zu Ihnen sehr vermissen.“
Die Reaktion der Leser fiel entsprechend traurig aus: „Seit vielen Jahren kenne ich Herrn Stoll“, schreibt Dr. Anne Hartig aus Buchholz. „Wegen seines immer freundlichen und hilfsbereiten Umgangs mit den Badegästen habe ich ihn sehr geschätzt. Ich bedauere die Neubesetzung der Stelle sehr.“ Horst Gideon aus Undeloh schreibt: „Herr Stoll war immer souverän, sehr kompetent und vor allem mit ganzem Herzen dabei.“ Michael Brandes aus Jesteburg findet, dass der Abschied von Joachim Stoll „ein großer Verlust für das Bad ist. Stoll habe sich nicht gescheut, Gäste - ganz gleich ob Jung oder Alt - anzuhalten, sich ordentlich im Freibad zu verhalten“.

Kommentar

Das Fingerspitzengefühlt fehlt
Die Entscheidung, Joachim Stoll keinen neuen Vertrag zu geben, ist nicht zu kritisieren. Zeitverträge sind nun einmal befristet. Zudem obliegt es der Jesteburger Verwaltung selbstverständlich, Stellen mit dem Personal zu besetzen, das sie für geeignet halten.
Liebe Frau Ritter, leider haben Sie in der Personalangelegenheit „Joachim Stoll“ aber jegliches Fingerspitzengefühl vermissen lassen.
Ihre Aussage, „Herr Stoll hätte uns ja überzeugen können“ ist respektlos. Anständig wäre es gewesen, einen langjährigen und verdienten Mitarbeiter in einem Vier-Augen-Gespräch darauf hinzuweisen, dass seine Zeit im Freibad abgelaufen ist.
Ihn nach zehnjähriger Tätigkeit sogar zu einem Vorstellungsgespräch einzuladen ist genauso niveaulos, wie ihm bislang eine vernünftige Verabschiedung zu verwehren.
Sascha Mummenhoff